Ein Kinobesuch schafft vieles. Er unterhält einen, führt einen in andere Welten, lässt einen für einen kurzen Moment die Sorgen und Gedanken des Tages vergessen. Der abendliche Spaziergang hin und zurück durch die Stadt fördert die Bewegung an der frischen Luft und gibt ein Ziel vor, auf das man sich bereits während des Tages mit seinem Energiehaushalt bewusst und achtsam selbst verständigt. Zudem fördert er auch das Soziale auf ein erträgliches Maß im Sinne von Begegnung und Konversation beim Erstehen des Tickets und am Einlass, sowie vielleicht noch kurze Worte mit Sitznachbarn und dann Dunkelheit und Ruhe in Gesellschaft. Für mich, nach meinem Burnout, wurde Kino zur „Schönsten Heilanstalt“ in unserer Gesellschaft und Kinobesuche meine Therapie.
Einsteins Relativitätstheorie lässt sich ja bekanntermaßen auch auf einen Kinobesuch anwenden. Ist ein Kinofilm kurzweilig, spannend, in der Handlung mitreißend oder einfach nur interessant im Inhalt, können drei Stunden wie eine einzige gefühlte Stunde vergehen. Ein schönes, aufregendes und besonders angenehmes Ereignis manipuliert unser Zeitgefühl im positiven Sinne, wenn man es romantisch betrachtet, im negativen Sinne, wenn man die Sterblichkeit und Endlichkeit unseres Daseins auf die Konstruktion Zeit und im Besonderen auf die individuelle Lebenszeit bezieht. Je länger ein Film, umso eindeutiger die Verifizierbarkeit der Theorie – so möchte man meinen.
Zum Gegenbeweis angetreten war ich wie Albert Hofmann einst auch, ohne es zu wissen, nur mit dem Unterschied, dass ich dabei nicht eine beschwingte Fahrradfahrt hatte oder das Gefühl, einen besonders intensiven Waldspaziergang zu erleben. Um aber letzteres mit einer Kindheitserfahrung dann doch in Verbindung zu bringen – ich bin während des Kinofilms ganz gemütlich weggeschlafen. Das Moment der Falsifizierung besteht in diesem dargestellten Falle darin, dass ich erwacht bin und das Ende des Kinofilms geschaut habe, ohne selbst bemerkt zu haben, dass ich eingeschlafen war. Es zeigt sich also, dass es sich nicht immer um die oben angeführten Kriterien handeln muss, um die Theorie zu bestätigen. Versäumt man unwissentlich einen Teil der Handlung, ohne dies dabei zu bemerken, war der Film nebenbei versäumniswürdig.
Verlässt man daraufhin aber das Kino mit diesem unbestimmten Gefühl der vergangenen Zeit und der gefühlten erlebten Zeit, so liegt hier eine Täuschung in der Theorie vor. Mir erging es so und ich fragte mich, ob ich eingeschlafen sein musste, wenn auch in der Handlung ich keine Lücke wahrgenommen hatte. Um die Theorie also zu überprüfen, besuchte ich die Woche darauf den Film erneut, dieses Mal mit einer Thermoskanne starken Kaffees und nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf. Im Folgenden das Ergebnis meines wissenschaftlichen und therapeutischen Selbstversuches: Ja, ich hatte geschlafen und ja, ich weiß, warum ich eingeschlafen war – wie ich aber bei diesem heillosen Lärm und Krach so gut schlafen konnte, ist mir bis heute ein unauflösbares Rätsel.