‚Brief an …‘ – Juliano M. Gerber

Hi ……..,
die Tage vergehen nur so dahin und das, was einem wichtig ist, bleibt manchmal auf der Strecke. Weit gefehlt. Denn es ist Dein Leben. Du entscheidest und Du vollführst was auch immer Du wünschst. Wir sind gewohnt in Tätigkeiten zu fliehen und nicht zu ergründen, erkennen, traurig darüber sein, machtlos und ohnmächtig um schlußendlich der Sinnlosigkeit all diesen Dingen anheim zu fallen. Wir wünschen zu fliehen und aus der Sicht einmal verschwunden können gewisse Dinge einfach sein und uns nicht weiter bestürzen oder weiter im Trübsal versinken lassen. Glaube nicht, daß das Fliehen etwas bringt. Ich glaube auch nicht daran und verfahre so, solange es so bleibt.
Die Situation ist gewissenmaßen schon dämlich und wie oben erwähnt pochen wir darauf sie auch so zu belassen.
Ich bin enttäuscht über mich und über Dich und weiß nicht wirklich weshalb ich zurück schrieb.
Auf Deine E-mail einzugehen gestehe ich etwas argwöhnisch auf die Redensart „zwischen zwei Stühlen zu stehen“. Bei allem was ich an Wahrheit kenne; Das stimmt einfach nicht. Sowohl Du wie auch ich wissen ganz genau, daß Du bei Deinem Mann bleiben wirst. Wir spielen einfach nur, wie das Kind, das mit allen Mitteln versucht etwas, zu bekommen, was nicht zu bekommen ist. Es ist purer Trotz, pure Lust am Gewinnen (was auch immer das ist), Lust an Ausreizen von Möglichkeiten, Grenzen zu testen. Du nennst das in der Begrifflichkeit der Erwachsenen: Egoismus………..ja, das kann schon sein.
Wie Du siehst stört mich Dein Egoismus nicht. Trotz aller Enttäuschung freute ich mich, irgendwo in mir drinnen, von Dir zu hören.
Genaugenommen haben wir eine Dreiecksbeziehung: Du und ich und die Distanz. Nur so funktioniert diese auch. Sind wir zusammen dann ist die Harmonie zu groß als das wir sie ertragen können. Das ist etwas, was ich herausfand.
Ich glaube an Engel und an die Existenz des Teufels auch, doch sie sagen mir weder ja noch nein oder lasse dies und nehme das. Billige Instrumente sind sie geworden für die Ausführungen zu denen sie herhalten müßen. Betrug und Liebe, Distanz und Nähe, Hass und Sehnsucht alles ist im mir vereint und die Kontrolle hat nur einer: Ich.
Es ist schon seltsam für mich zu erfahren wie kompromißbereit ich mich für diese Kommunikation hingebe. Wieviel von Deinem Egoismus auf meinem übergeht. Wieviel Zuneigung ich in Deinen Zeile lese und wieviel Wärme ich bereit bin mit Dir zu teilen. Ich frage mich ins Geheim, ob wir uns nicht darin belügen soviel einander preiszugeben, was unserem Inneren betrifft.
Noch etwas; Wenn wir dieses leidenschaftliche Begehren (für einander) zugunsten einer Freundschaft in uns aufgeben, dann stirbt das, was uns bindet. Wir brennen darauf uns einander hinzugeben – bedingungslos – nur unsere Angst läßt es nicht zu. Also werden wir uns erst dann verabschieden wenn diese Flamme in unserer Brust wie erkaltete Asche wird. Zuvor nicht.
Ein Zeichen das sie noch brennt, ist mit der Wiederaufnahme der Korrespondenz sichtbar geworden. Daran glaube ich.
Leidenschaft macht blind und läßt uns barfuß durch die Dünnen laufen. Der Sand ist heiß aber jetzt kümmert und das noch nicht.
Ich küße Dich auf den Mund ……… und auf jede Stelle Deines Körpers, die Du jetzt berühren kannst.
Dann nehme ich Dich in meine Arme.
J.

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