Celina Imm – Eingefahren

Er geht an den wenigen, idyllischen Häusern vorbei. Er ist auf dem Weg zum Bahnhof. Die Kirchenglocken läuten. 7:00 Uhr. Die Schranken schließen sich. Die Kirchenglocken werden von den Warnsignalen abgelöst. Der Zug fährt ein. Ein schöner Zug. Er fährt perfekt auf den Gleisen.
Der Zug hält an. Er steigt aus. War er wirklich in dem Zug? Oder stand er schon die ganze Zeit am Bahnhof? Die Menschen bewegen sich nicht. Jemand liest Zeitung. Er macht sich auf den Weg zur Arbeit. Ein paar Autos parken auf der Straße. Vielleicht wird er am Sonntag einen Ausflug zum Fluss machen. Er wird die Angel mitnehmen.
Es wird dunkel. Die Lichter gehen an. Feierabend. Alles leuchtet. Der Kollege kommt, löst ihn ab.
Er verlässt das kleine Gebäude. Er ist Gleisner. Das ist ein schöner Beruf. So viele schöne Züge und sie fahren alle nach seinem Willen.
Er fährt mit dem Zug zurück. Steigt aus. Alle Häuschen leuchten. Er sieht zum Berg hinauf. Die Gondel leuchtet ebenfalls. Vielleicht würde er am Sonnabend mit der Gondel fahren. Er würde die Lichter der Stadt sehen und sich sagen: „Wie schön alles ist. Fast zu schön um wahr zu sein.“ Und am nächsten Tag würde er einen Ausflug zum Fluss machen. Er würde die Angel mitnehmen.
Er läuft an der Kirche vorbei. Ein Mädchen mit blonden Zöpfen in rotem Rüschenkleid steht vor einem Hund. Der Hund bellt nicht. Er bewegt sich nicht. Wartet er?
„Du bist nicht echt“, sagt das kleine Mädchen. Er ist überrascht. Vom Klang der Worte. Wann hat er das letzte Mal jemanden sprechen gehört?
„Du bist nicht echt“, sagt das kleine Mädchen. Der Hund bewegt sich nicht.
„Du bist nicht echt“, schreit das Mädchen
„Du bist nicht echt. Du bist nicht echt.“
Es gibt keine Fische im Fluss. Ihm fällt ein, dass er keine Angel besitzt.
„Du bist nicht echt. Du bist nicht echt.“ Das kleine Mädchen weint. Es fällt um. Einfach so. Auf den Boden. Still.
Der Hund bellt nicht. Es gibt keine Fische. Fische sind zu klein. Aber die Autos. Manchmal bewegen sich die Autos.
Das Mädchen steht wieder. Es grinst. Es kann nicht weinen. Aber jetzt schaut es ihn an.
„Du bist nicht echt“, sagt es.
Schnell geht er weiter. Er merkt, dass er nicht weiß wohin er geht. Hat er sich verlaufen? Er kann sich nicht verlaufen. Kann er weinen?
„Du bist nicht echt. Du bist nicht echt. Du bist nicht echt.“
Er weiß, dass alle Bäume des kleinen Wäldchens hohl sind. Sie haben keine Maserung. Er weiß, dass der Mann am Bahnhof morgen immer noch da sitzen wird. Er wird die gleiche Zeitung lesen. Der Hund kann nicht bellen. Es gibt keine Fische im Fluss. Der Fluss fließt nicht. Aber die Autos. Manchmal bewegen sich die Autos. Und die Züge. Die Züge, die fahren. Schöne Züge, sie fahren perfekt auf den Gleisen. Was hat er gestern getan? Kann er weinen?
Er schreckte hoch. Er war tatsächlich eingeschlafen. Das war ihm noch nie passiert. Er schlief nicht gerne in Zügen. Ihm gefiel die Vorstellung nicht, fremde Leute könnten ihn beobachten während er schlief. Er sah verstohlen um sich. Niemand erwiderte seinen Blick. Niemand beachtete ihn. Seine Schultern entspannten sich. Automatisch mit einer eingeübten Geste strich er seine Jacke glatt. Da registrierte er den Karton auf seinem Schoß. Zärtlich fuhr er über das Bild, das den Inhalt präsentierte. Eine schwarz-rote Lokomotive. Wie aus dem Bilderbuch. Mit echter Dampfmaschine. Er schrieb mit seinem Zeigefinger die Buchstaben nach. Märklin.
In dem Moment gingen die Lichter an. Er sah aus dem Fenster und blickte in sein Spiegelbild.
Wie er hieß? Hans, Karl, Jochen, Heinrich, Dieter. Irgendetwas davon. Es war etwas Unauffälliges. Etwas ganz Normales. Der Nachname? Mayer oder Müller. Namen, die im Telefonbuch Seiten belegen. Namen, die in ihrer Masse untergehen.
Wie er hieß? Vielleicht Herr M.
Er lief zu Fuß den Weg nach Hause. Herr M. lebte alleine. Er dachte in freudiger Aufregung an den Karton in seinen Händen. Die Lichter brannten. Alle Häuser waren erleuchtet. Seins nicht. Ein Hund bellte.
Für einen kurzen Moment zögerten seine Schritte. Wovon war er aufgewacht?
Hatte er geschlafen? War er aufgewacht? Er läuft zum Bahnhof. Das grüne Auto stand gestern noch nicht da. Er will es berühren. Etwas hält ihn ab. Er traut sich nicht.
Die Kirchenglocken läuten nicht. Dafür piepst das Warnsignal. Die Schranken gehen runter. Eine Dampflok fährt durch. Neu. Nagelneu. Ist er aufgeregt? Sie ist schön.
10, 9, 8,7….3,2,1. Er fischte das Ei aus dem Topf. Exakt vier Minuten. Sonntag. Er seufzte zufrieden.

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