Celina Imm – Herz Zehn

Spiel  
– Also, such dir ne Karte aus
– Was…Wieso- Ich nehm die zehn. Herz zehn.
Er verdrehte die Augen. Das Weiß, das anstelle der Pupille trat, leuchtete wie in Schwarzlicht getaucht.
– Oh Mann, darfste doch nicht sagen. Ne darfste nicht.
– Ach. Ach so. Ja dann. Ok. Hab eine.
Seine Pupille samt moosgrüner Iris kam wieder nach vorne gerutscht. Er blinzelte und griff zu den Karten. Unsere Blicke hefteten sich auf seine Hände, durch die jetzt die Karten glitten. Es waren fahrige Bewegungen. Unruhig und angespannt als wäre es von enormer Wichtigkeit zu zeigen, dass er gut Karten mischen konnte. Ich wagte einen Blick in sein Gesicht. Triumph in seinen Auge, aber der verschwand sofort als er meinen zudringlichen Blick spürte. Schnell sah ich wieder auf die Karten. Seine Hände hielten kurz inne und ordneten dann die Karten zu einem Block, dessen Kanten er auf die Tischplatte klopfte. So. Fertig.
– Is n Trick. Hab ich mal gelernt.
– Ach. Ach so.
Da schon wieder rutschten seine Augen nach hinten, schauten einen Moment in seinen Kopf. Vielleicht ist das ein Tick. Eine Zwangsstörung. Vielleicht hat er so was. Dafür kann er nichts. Sieht gruselig aus. Ich schüttelte den Kopf um moralisch gleich wieder auf die richtige Spur zu kommen. Dafür kann er nichts.
Er formte vier Kartenstapel. Alle gleich groß. Er presste sie eng aneinander, drückte sie mit den Zeigefinger nieder. Seine Knöchel färbten sich weiß. Ein paar Karten hier hin, ein paar Karten dahin. Jetzt war er zufrieden, strahlte fast so etwas wie Souveränität aus. Alle gleich. Alle gleich.
Ich schluckte. Alles war zu laut hier. Das Schlucken. Das Atmen. Wie im Museum. Ich schaute hinter ihn. Da. Schon wieder. Er verdrehte die Augen. Ich hatte mir vorgenommen das alles zu ignorieren. Die Müllberge. Nein nicht einmal ignorieren, ich hatte es gar nicht erst registrieren wollen. Zu spät. Überall Müll. Müll und Fliegen. Auf den Essensresten, die über den Parkettboden verteilt waren. Er deckte fachmännisch ein paar Karten auf und tippte dann auf die Kreuz Sieben.
– Is es die?, er sah mich prüfend an, Ne die is es nich. Warte
Er tippte auf den Karo Buben.
– Der Bube is es
Ich schüttelte den Kopf.
– Ne…ne, sorry
Augendrehen. Keine Entschuldigungen. Entschuldigungen waren ganz falsch hier. OK.
  • Herz Dame?
  • Ne
  • Ass?
  • Ne
  • Die Sieben, sicher, dass es nich die Sieben war?
  • Es…es war nicht die Sieben. Tut mir Leid.
Ich biss mir auf die Zunge. Er tippte auf die letzte aufgedeckte Karte.
  • Pik Neun.
  • Es war die Herz Zehn. Die Herz Zehn.
Er sah mich an, als hätte ich einen schlechten Scherz gemacht. Es tat mir Leid. Er tat mir Leid. Es war ein schlechter Scherz gewesen. Dafür kann ich nichts.
  • Is doch nur ein Spiel, versuchte ich es
Er verdrehte die Augen. Länger als sonst. Jetzt sind sie hängen geblieben!, schoss es mir durch den Kopf. Aber da waren seine Pupillen wieder. Mit der Iris. Moosgrün.
  • Ne. Ne Mann. Das is kein Spiel. Das is n Trick. Kapiert, ein Trick!
Und er stand auf und klopfte mit den Fingern auf die Karten.
  • Ach. Ach so, ich nickte, Ein Trick. Ja. Klar.
Er setzte sich wieder. Wieder die Stille. Ich räusperte mich.
  • Ich geh dann mal. Ich glaub, ich muss jetzt gehen.
Seinen Augen tat es Leid, aber er nickte.
  • Ja, is gut.
An der Tür drehte ich mich noch einmal um zu ihm. Entweder jetzt oder…oder was?
  • Das tut mir Leid, das mit…das, ich sah ihn an und wusste sofort, dass ich den Moment der Aussprache verpasst hatte.
  • Ich…ich weiß nich wie…ich
  • Is schon ok
  • Es..
  • Is schon ok.
  • Ok…War ja nur ein Trick.
  • Ne, ne, hast schon Recht. Ein Spiel. Alles nur ein Spiel.
Ich nickte und dachte, Ja. Alles nur ein Spiel. Aber keiner weiß, wie er damit umgehen soll.

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