Celina Imm – Fliegen

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Lächerlich diese Angst vor jedem Treffen. Das war neu. Es dämmerte. Er schob sich in eine Bäckerei.
– Eine Brezel, auf den süßen Gebäckstücken saßen Fliegen. Kleine Fliegen.
– 70 Cent, sie schienen niemandem aufzufallen.
– Danke, nicht einmal der Verkäuferin.
– Schönen Abend, vielleicht beißt da einer rein ohne zu schauen. Hat den Mund voller Fliegen.
– Danke, die kleinen roten Augen waren alle auf ihn gerichtet. Dachte er. Wie eine Drohung.
Er schüttelte den Kopf, verließ die Bäckerei und konnte nichts essen. Er stieg in die Bahn ein.
Ein massiger Mann setzte sich laut seufzend ihm gegenüber. Er räusperte sich und fasste sich an den Hals. Aus dem kehligen Räuspern entwickelte sich ein kehliges Husten. Die Erschütterungen gingen durch den Körper. Seismografische Wellen. Sein wulstiges Gesicht wurde rot. Ganz rot. Tiefrot. Der Bereich um Nase und Augen nahm sogar den tiefvioletten Ton an, der wohl gemeint ist, wenn man sagt, jemand läuft blau an. Dazwischen keuchendes Luftholen. Es störte. Er konnte sich selbst nicht mehr atmen hören. Da war dieser Mann, der erstickte und er ertrug den Anblick nicht. Widerlich. Lautes Husten. Widerlich. Er selbst. Widerlich.  
Als er bei ihr ankam, war er schon völlig gestresst. Es lief ab wie immer. Wie immer. Wie immer. Wie immer. Nein. Sie sah nicht auf den Bildschirm. Sie sah ihn an. Sie musterte ihn. Er nahm ihre Hand. Kalt war sie. Kalt und klein. Er gab ihr einen Kuss auf jeden kalten kleinen Finger. Aus dem Augenwinkel sah er ihr Lächeln. Sie lächelte mit dem ganzen Gesicht. Es fing stets in den Augen an, dann zog sie die Mundwinkel hoch und auf ihren Wangen bildeten sich Grübchen, zarte Falten um die Augen. Nach dem Film verabschiedete er sich. Im Flur zog er Jacke und Schuhe an. Sie stand neben ihm und fuhr mit ihrer Hand über seinen Rücken. Sein Blick fiel auf die Obstschale, die auf der Kommode stand. Eine kleine Fliege saß auf dem obersten Apfel. Schneewitchenapfel. Rote Augen. Kommentarlose Augen. Ihre Hand fuhr durch sein Haar.
  • Woran denkst du?, flüsterte sie. Diese Frage wurde immer nur geflüstert. Es war ihre liebste Frage und er konnte ihr nie gerecht werden.
  • An deine Augen, sagte er und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, um ihren Mund zum Schweigen zu bringen. Ihr Lächeln zu unterdrücken, weil es falsch gewesen wäre, Wir sehen uns.
Er zog die Tür hinter sich zu, damit er sie nicht im Türrahmen warten sehen musste. Im Treppenhaus tat es ihm Leid. Jede Stufe. Unten drückte er noch einmal auf die Klingel. Ich liebe dich, sagte er durch die Gegensprechanlage und hörte in dem Rauschen ihr Lächeln. Und wusste, dass es stimmte. Und dachte, dass er wusste, dass es stimmte.
Zu Hause duschte er zu erst. Er konnte sich schon nicht mehr an den Namen der Hauptfigur erinnern. War vielleicht auch gar nicht wichtig. Auf dem Weg in sein Zimmer, fiel sein Blick auf den Küchentisch. Drei Fliegen krabbelten über das Holz. Sofort fühlte er sich wieder schmutzig. Für einen Moment war er versucht noch einmal unter die Dusche zu stehen, aber er entschied sich schlafen zu gehen. Seltsam, diese Fliegen, dachte er. Sie waren ihm vorher noch nie aufgefallen.
Am nächsten Morgen zählte er sieben Fliegen. Er machte eine fahrige Handbewegung, aber sie flogen nur kurz auf um sich anschließend wieder träge auf der Tischplatte niederzulassen. Er aß mit Bedacht, prüfte jeden Bissen und behielt gleichzeitig die Fliegen im Auge. Sie schienen seinen Blick zu erwidern. Gleichgültig. Als wollten sie sagen: Eine Frage der Zeit.
Irgendwo musste er noch eine Packung Fliegenfänger haben. In irgendeiner Schublade, aber das hatte Zeit bis heute Abend.
In der Mittagspause ging er mit den Anderen Kaffee trinken. Sie verabredeten sich für das Wochenende. Mal wieder richtig feiern gehen und so. Ja. In seinem Cappuccino schwamm eine Mücke. Ihm wurde schlecht. Es kostet ihn viel Überwindung sie mit dem Löffel herauszufischen. Er starrte sie an. Sie starrte zurück. Ihre Flügel waren verklebt von dem Milchschaum. Er hoffte, sie würde sterben. Und erschrak vor sich selbst.
  • Was ist? Magst du deinen Kaffee nicht mehr?
  • Ne. Da war einen Fliege drin.
Er grinste schief und versuchte sein Unbehagen zu verbergen.
  • Also gehen wir.
  • Kommt sie am Freitag auch mit?
Er schüttelte den Kopf wie selbstverständlich. Dabei hatte er noch gar nicht darüber nachgedacht.
  • Gut.
Er fragte sich warum das gut war, aber er fragte nicht laut. Mal wieder richtig feiern gehen und so. Vielleicht vertrug sich das einfach nicht. Und er dachte an das Lächeln durch die Gegensprechanlage.
  • Ja, vielleicht besser so
  • Gibt’s Stress?
  • Nein, er lachte als wäre er dazu verpflichtet gewesen.
  • Wann wollen wir uns treffen?
Freitagabend um neun hatten sie ausgemacht. In der Stadt. Er freute sich. Mal wieder richtig feiern gehen. Er wusste was das hieß. Alle wussten was das hieß. Er würde ihr nichts davon erzählen, wenn er sie heute Abend besuchen würde. Und er freute sich über dieses lächerliche Geheimnis und dachte, dass er sie liebte und er über Nacht bleiben würde.
Er kam direkt nach der Arbeit und sah ihr Lächeln schon durch die Wohnungstür. Sie zog seine Jacke aus. Während er seine Schuhe auszog fuhr sie wieder unsichtbare Muster nach auf seinem Rücken. Wie immer. Sie beugte sich nahe an sein Ohr. Sein Blick fiel auf die Obstschale. Bei dem Apfel hatte sich eine braune Stelle gebildet. Zwei Fliegen saßen darauf. Ein Schauer fuhr über sein Rücken. Sie lachte leise und zog ihn zu sich. Aber er wurde das Ekelgefühl nicht los. Als ob tausend Fliegen über seinen Kopf wandern würden. Er richtete sich auf und schob sie fort.
  • Der Apfel ist gammlig
  • Was?
  • Da sitzen schon Fliegen drauf. Den musst du wegschmeißen.
Sie sah ihn irritiert an und blickte dann zu der Obstschale.
  • Ach was, den schmeiß ich doch nicht weg. Der ist nur ein bisschen braun. Macht doch nichts.
Und sie zog ihn zu sich.
  • Macht doch nichts, flüsterte sie in sein Ohr und ihre Worte fühlten sich an wie Fliegenbeine.
Er zog den Kopf zwischen den Schultern ein. Sie seufzte.
  • Was ist denn los?
Warum konnte sie ihre Hände nicht bei sich behalten?
  • Nichts…Gar nichts. Lass uns in dein Zimmer gehen.
Er legte einen Arm um sie und küsste sie auf die Wange. Es war beinahe eine Überwindung. Als säßen auch dort zwei kleine Fliegen mit kleinen roten Augen. Macht doch nichts.
Vor ihrer Wohnung stand eine Straßenlaterne, deren Licht durch die Vorhänge schimmerte. Im Halbdunkel betrachtete er sie wie sie schlief und dachte, sie ist schön. Und er fragte sich woher dieses Trotzdem kam. Es trotzdem nicht ertragen können hier neben ihr zu liegen. Trotzdem den Wunsch zu haben sich endlich übergeben zu können. Trotzdem. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Er schloss die Augen.
Er hatte vergessen sein Frühstücksgeschirr aufzuräumen. Als er die Küche betrat, meinte er das Summen schon vor der Haustüre gehört zu haben. Genau wie er ihr Lächeln durch die Tür gesehen hatte. Ihm fiel auf, dass sie gar nicht gelächelt hatte. Und die Fliegen waren lautlos.
  • Widerlich, sagte er laut und dann zu den Fliegen:
  • Was wollt ihr denn von mir? Was?
Er konnte sie mit einem Blick schon nicht mehr zählen. Die meisten schwammen in dem letzten Schluck Multivitaminsaft. Andere saßen auf den Krümeln auf dem Teller. Er machte eine fahrige Bewegung mit der Hand. Sie reagierten nicht. Das ist der Winter, sagte er sich. Der Winter macht sie verrückt. Sie wollen überhaupt nichts. Gar nichts. Sie können gar nichts wollen. Er packte das Geschirr und schmiss es in den Müll. Samt Fliegen. Aber auf dem Tisch krabbelten schon wieder neue.
Haut ab, murmelte er eindringlich. Und begann diesen Satz zu wiederholen, wie einen Rosenkranz herunterzuleiern. Haut ab. Haut ab. Haut ab. Während er alle Schubladen rausriss um sie nach Fliegenfängern zu durchsuchen. Aber nichts. Nichts. Das Summen schwoll an. Er wusste, dass das nicht echt war. Er wusste. Er dachte, er wüsste. Ein Summen wie von Tausend Fliegen. Es war Freitag und um acht verließ er fluchtartig die Wohnung.
Er war viel zu früh. In einem Geschäft für Haushaltswaren wurde gerade ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Viel zu früh. Das Lametta und die Schokoladennikoläuse ebenfalls. Viel zu früh. Der Winter kam doch erst viel später dieses Jahr. Später. Später. Er wollte das Schaufensterglas zerkratzen. Einschlagen. Mit bloßen Fäusten. Und schreien. Was wollt ihr denn von mir. Was.
Um neun fing der Abend an. Sie wanderten von Kneipe zu Kneipe. Sie tranken und rauchten und tanzten und irgendwann fand er sich neben einer Frau wieder. Sie spazierten Arm in Arm durch den Park. Es war dunkel und er konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Aber er wusste, dass sie nicht so lachen konnte. Nicht mit dem ganzen Gesicht. Sie setzten sich auf eine Bank. Eine Laterne stand daneben, aber er konnte sie nicht sehen. Er konnte sie auch nicht hören. Da war dieses Summen. Und die Fliegen. Sie kreisten um das Licht der Laterne. Sie kreisten über ihnen. Wie Raubvögel.
Er wollte weinen und küsste sie um nicht reden zu müssen. Um nicht zu riskieren eine der Fliegen könnte sich in seinen Mund verirren. Eine Frage der Zeit.
Er begleitete sie zu der Bushaltestelle. Aus dem Mülleimer schwirrten Fliegen. Er zuckte zurück. Sie können nichts wollen, dachte er. Zufall. Er zog die Schultern zu den Ohren. Seine Ohren fühlten sich gefährlich groß an. Eine ideale Öffnung für kleine stumme Fliegen. Sie redete und redete und er war fast froh darum weil er seine Lippen geschlossen halten konnte.
Am nächsten Morgen stand er vor ihrer Tür. Den Kopf voller Fliegen. Er konnte ihr Lächeln nicht sehen. Sie lächelte nicht.
  • Wo kommst du denn her?
  • Ich liebe dich, murmelte er.
Und er küsste sie. Und sie schüttelte den Kopf.
  • Was ist denn los? Was.
Sie hatte den Apfel weggeschmissen. Gott sei Dank.
  • Ich liebe dich.
Er war immer noch betrunken. Ob sie es wohl merkte? Sie bugsierte ihn in die Küche und schob ihm ein Teller hin und eine Tasse Kaffee. Natürlich merkte sie es. Sie merkte alles.
Er trank, er aß. Sie musterte ihn. Stumm. Ihre braunen Augen schimmerten rot.
  • Den Kuchen hab ich gebacken, sagte sie nur um etwas zu sagen.
Er nickte.
  • Schmeckt‘s?
Er nickte.
  • Siehst du und du wolltest den Apfel wegschmeißen.
Er starrte auf den Teller. Apfelkuchen. Er griff sich an die Kehle. Fliegen. Sie lächelte. Und er sah sie vor sich wie sie den Teig rührte und unablässig Fliegen hineinstreute. Und lächelte. Macht doch nichts. Siehst du. Er würgte.
  • Ich finde wir müssen mal reden. Irgendetwas stimmt doch nicht mit dir. Du weißt, dass du…
Sie nahm seine Hände. Beugte sich quer über den Tisch. Seine Hände kribbelten. Seine Arme, seine Beine, sein Kopf. Fliegen. Überall Fliegen. Sie krochen durch seine Adern. Sie legten ihre Larven in seine Arterien. In sein Gehirn. Das Verlangen sich die Haut von den Knochen zu kratzen. Wie von fern hörte er ihre Stimme.
  • ….bist das noch du? Ich weiß nicht mehr…das bist doch nicht mehr du. Mein Gott, was ist denn los? (Pause) Woran denkst du?
Er zog seine Hände zurück und stand auf. Und wünschte sie würde ihn retten. Aber sie blieb sitzen und er rannte aus der Wohnung. Das Treppenhaus hinunter und die Straße hoch. Was ist denn los? Bist das noch du? Bist das noch du? Bin das noch Ich? Er wollte seinen Kopf gegen die Schaufenster schlagen. Den Weihnachtsbaum abfackeln. BIST DAS NOCH DU? Und was wenn nicht. Wenn nur dieses Summen aufhören würde. Sie verfolgten ihn.
  • Was wollt ihr nur, was wollt ihr nur?, murmelte er
Und wie zur Antwort stolperte er beinahe über eine tote Taube. Ihr Kopf war seltsam verdreht. Er wich zurück und konnte den Blick nicht losreißen, ehe er die Fliegen registrierte, die in den Augen der Taube saßen. Er lehnte sich an einen Zaun, der einen gepflegten Garten abgrenzte, von Gehwegen auf denen tote Tauben lagen. Er konnte sich nicht bewegen. Ihm war schlecht. Das Summen machte ihn verrückt. Sie waren überall. Er konnte nirgendwo hin. Sie denken ich bin tot. Und das Wort tot zuckte durch seinen Kopf wie ein elektrischer Schlag. Sie krabbelten seine Arme hoch, seinen Hals entlang, über seine Brust, auf seinem Gesicht. Er kniff die Augen zusammen. Tot. Er konnte dieses Wort nicht leiden. Was ist denn los? Was ist denn los?
Er presste seine Hände auf Mund und Nase, aus Angst sie könnten hineinkrabbeln. Und wenn ich ersticke? Wenn ich mich selbst ersticke? Das wäre zu lächerlich. Zu lächerlich. Er musste sich bewegen. Zeigen, dass er noch lebte. Ich bin nicht tot, wollte er schreien. Er bekam kein Wort heraus. Laut. Laut müsste er sein.
Er löste seine Hände von seinem Gesicht ohne zu atmen. Fuß vor Fuß bis er rannte. Fliegenschwärme vor seinen Augen, in seinen Augen. Er konnte nicht sagen ob das stimmte. War das real. Seine Lungen brannten. Er hatte sie eingeatmet. Eine ganze Kolonie. Er wusste. Er griff sich an den Hals und rannte weiter. Glas um ihn herum. Mein Gott bist das noch du? Die Worte in das sich schließende Glas ritzen. Mit den Fingernägeln. Laut müsste er sein. Laut. Um das Husten in der Straßenbahn zu übertönen, das Summen, ihr Lächeln, sein Keuchen. Lauter.
In seinem Kopf das Bild von einem See. Spiegelglatt und schwarz und leise. Und beinahe wünschte er dort ertrinken zu können. Dorthin könnten sie ihm nicht folgen. Fliegen fliegen. Sie schwimmen nicht. Unter ihm Gras. Vielleicht ein gepflegter Rasen von einem gepflegten Garten. Seine Finger gruben sich in Erde. Er spürte seine Lungenflügel. Das Tam Tam seines Herzens. Irgendwo hatte er noch Fliegenfänger. Wenn er nur wüsste wo. Wenn er nur wüsste. Er konnte sie einfach nicht finden. Er stierte in ein eiskalt poliertes Blau. Himmel. Schwarze Punkte zogen dort ihre Kreise. Zugvögel. Glaubte er. Hoffte er. Sie packte ihn am Arm. Schüttelte ihn.
  • Was machst du denn? Was ist denn los?
Er wollte sie ansehen. Aber da waren nur schwarze Punkte. Sie seufzte. Und zog ihn hoch. Und sagte, komm wir gehen. Macht doch nichts. Macht doch nichts. Schwarze Punkte in der Luft. Er war einer von ihnen. Er wartete. Stumm.

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