Gerhard Reule – Erzählung aus Gesänge an die Toten

Gerhard Reule

Eine persönliche Erfahrung

Anfang der Erzählung Tausend Träume aus meinem Erzählband Gesänge an die Toten.

 

Till Meyer, die Brauen zusammengezogen, den Mund leicht geöffnet, schien über etwas nachzudenken, als er vom Sofa aufstand und das Buch zur Seite legte. Der Roman, in dem er gerade noch gelesen hatte, stammte von Oe Kenzaburo und trug den Titel Eine persönliche Erfahrung. Till zündete die Kerze an, die auf dem Kasten für das Bettzeug vor dem Fenster stand. Dann zog er die weißen Gardinen zu und drückte mit der großen Zehe des rechten Fußes den Wippschalter der Stehlampe aus. Sie erinnerte ihn an eine große Glockenblume, die neben dem Sofa stand. Er machte das immer so, darin hatte er Übung. Mit einem leisen Klick war es fast dunkel. Nun platzierte er seinen Meditationshocker auf dem Teppich vor dem Bettkasten. Die Kerze brannte in eineinhalb Meter Entfernung und entfaltete gerade erst richtig ihre Flamme. Groß war sein Zimmer nicht.

Er rückte den Meditationshocker noch mal zurecht und setzte sich darauf. Seine Knie, Schienbeine und Fußrücken (soweit sie diesen Namen verdienten) ruhten auf dem Teppich. Allerdings führte er die Fußspitzen hinten nicht zusammen, wie er es gelernt hatte, sondern streckte sie nach hinten weg wie Schlittenkufen. Links das „Huf“, wie er es nannte, rechts die Zehen. Eine Baker-Zyste in der linken Kniekehle hinderte ihn daran, sein linkes Knie ganz anzuwinkeln. Da er barfuß und barhäuptig war, hätte jeder, der in diesen intimen Bezirk eingedrungen wäre, seine leichte Behinderung sehen können. Normalerweise trug er um das „Huf“ herum einen hochgeschlossenen Schuh, rechts, im Bereich der Achillessehne, wo die „Flügelstrünke“ sprossen, einen Strumpf. Auf dem Kopf über den „Hörnern“ saß gewöhnlich die Baskenmütze, und stets hatte er in der Öffentlichkeit lange Hosen an. Er war ohnehin aus dem Alter heraus, in dem er jemanden hätte betören können.

Es dauerte nicht lange, und Till kam in Stimmung. Seit er Anfang des Jahres zu arbeiten aufgehört hatte, befand er sich im Oratorium. Nicht eigentlich räumlich, sondern weil er sich von der Welt zurückgezogen hatte.

 

Schon bald erlebte er den ersten Sprung. Wie ein Lachs eine Stromschnelle hochspringt, so kam er eine Stufe höher. Er kannte den Sprung aus der Zeit seiner Trauer. Vor dreieinhalb Jahren hatte er ihn insgesamt fünfmal erlebt. Wie damals begann auch jetzt sein Herz zu kitzeln, und er geriet in einen Überschwang inbrünstigen Gefühls, das auf seinen Paten bezogen war, und von dem er sich gemeint fühlte. Vor dreieinhalb Jahren sprang er jeweils kurz danach noch eine Stufe höher, und er spürte das analoge Kitzeln im Gehirn im Bereich der Epiphyse, von der aus es wie eine Fontäne zum Scheitel hochschoss. Es ging mit einem Ausbruch von Wachheit, Glückseligkeit und Rausch einher, wobei die Bezogenheit auf seinen Paten stets blieb. Freudentränen schossen ihm jedes Mal aus den Augen. Heute aber verweilte er längere Zeit im Zustand des inbrünstigen Gefühls und betete für Menschen und Tiere. Als er dann endlich höher schnellte, bat er seinen Paten, seinen toten Freund von ihm zu grüßen. Und als er wusste, dass es wirklich geschah, grüßte er ihn selber. Inmitten des Rausches kam die Antwort zurück. Er fühlte die große Liebe des Freundes, die mit strahlender Freude vermischt war. Es war ein innerliches, telepathisches Erlebnis, unglaublich intensiv und doch seltsam inhaltslos. In dieser Liebe und strahlenden Freude, die er von Jan empfing, wurde sein ernstes Gemüt völlig aufgehellt.

Dann bat er seinen Paten inmitten des Rausches, seine toten Tiere von ihm zu grüßen. Und als er wusste, dass es wirklich geschah, grüßte er sie alle gemeinsam selber. Da erhielt er als Antwort ihre Liebe. So wie er sie gemeinsam grüßte, kam ihre Liebe in einem gemeinsamen Strang zurück. Im ersten Moment empfand er sie stärker und reiner als die Liebe Jans, aber während er sie genauer anschaute, merkte er, dass sie nur qualitativ etwas anders war. Denn während Jans Liebe mit der strahlenden Freude gemischt war, ging die Liebe seiner Tiere mehr ans Herz. Sie liebten ihn völlig rein und vertrauensvoll. Ihre Liebe war so arglos und lauter! Wie sie ihm vertrauten! Er hatte diese Liebe wieder telepathisch, das heißt in sich, erfahren, und er hatte solch eine Lauterkeit nie vorher erlebt.

Die Intensität beider Erfahrungen war gleich groß.

Dann schnellte der Lachs auf eine Stufe, die er vorher noch nie erreicht hatte. Das Erlebnis sei sehr schwer auszudrücken, sagte er später zu Chieko auf einem Spaziergang im Sternwald. Die geeigneten Worte würden ihm fehlen. Es kam so etwas wie die Tiefe dazu. Aber nicht im üblichen metaphorischen Sinn, sondern räumlich, obwohl auch das eine Metapher ist. Es fühlte sich jedenfalls noch anders und noch intensiver an als die ersten beiden Erfahrungen, die jeweils mit dem Kitzeln eingeleitet worden sind und in den Rausch führten. Dabei war er – trotz des erkennbaren Sprungs – erst am Anfang eines Prozesses, in den er nun langsam tiefer hineinrutschte. Inmitten der Verzückung spürte er die Sehnsucht, sich an seinen Paten völlig hinzugeben. Er empfand allen Schmerz, den er in seinem Leben erleiden musste, alle Trauer seines Lebens trat auf den Plan, und er wusste, in seinem Paten würden sie aufgelöst werden wie Morgennebel von der starken Sonne. Ihm war nach lachen und weinen gleichzeitig zumute. Zur selben Zeit empfand er Furcht. Er hatte Angst, er könnte die Intensität nicht mehr aushalten. Er bekam sogar Angst, die von ihm befürchtete Hirnblutung könnte in solch einem Zustande auftreten, weil das Gehirn der Intensität des Erlebten nicht gewachsen ist. Denn während er all das erlebte, beobachtete er sich in seinem Zimmer. Er behielt den Bezug zur Realität. Er sah sich auf dem Meditationshocker sitzen, eineinhalb Meter vor sich die Kerze auf dem Kasten für das Bettzeug brennen, ihren Widerschein an den geschlossenen Gardinen…..

Da er Furcht hatte, entschuldigte er sich bei seinem Paten, dass er ihn noch nicht weiter ertragen könne, verweilte eine kleine Dauer in der für ihn grenzwertigen Intensität und kehrte dann willentlich ins Normalbewusstsein zurück. Nicht, ohne in großer Sehnsucht seinen Paten zu bitten, wiederzukommen.

Bemerkenswert fand er im Nachhinein, dass er auch im Zustand der höchsten Intensität des Rausches, die er ertragen konnte, seine Freiheit behalten hatte.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.