Ingo Heckwolf – Und-anständig!

Es schien als seien sie beide verlegen. Verlegen über ihre Gedanken, die mit ihnen spielten und in denen sie eng umeinandergeschlungen ihre weichen und heißen Körper aneinander rieben. Ihr Geruch gefiel ihm und er hatte ihr das schon gestanden. Während er neuen Wein in die Gläser goss, kappelten sich ihre Körperdüfte bereits in der aufsteigenden und kühl eindringenden Luft des gekippten Fensters, vermischten sich über dem gemachten Bett. Es lagen so viele Jahre zwischen ihnen, das es unsinnig erschien über eine feste Beziehung weiter nachzudenken. Sie war gerade zwanzig geworden und er ging entschieden auf die dreißig zu. Kennengelernt hatte sie sich im Herbst auf einer Abrisshausparty. Ein paar Tage später flog sie für ein halbes Jahr nach England. Das ganze halbe Jahr hatte er nicht an sie denken müssen, doch vor ein paar Tagen, als er an der Stelle vorbeilief, an der inzwischen das neue Haus gebaut und einzugsbereit war, schien er ihre Präsenz wieder in sich zu spüren. Der Sommer stand vor der Türe und an diesem letzten frischen Frühlingsabend auch sie. Völlig unerwartet und so plötzlich wie sonst nur der Herbsteinbruch. Sie hatte eine Flasche roten Wein mitgebracht und lächelte verlegen aber erfreut ihn zu sehen. Wie der Winter wusste er nicht, wie ihm geschah, aber das Leben ging weiter. Sie machten es sich in seinem Zimmer gemütlich, tranken und schmökerten, hörten seine alten Schallplatten und die Luft um sie herum knisterte und breitete sich im ganzen Raum aus. In ihren Gedanken kursierte die Vorstellung, was er ihr alles antun könnte, was er ihr alles zeigen könnte und wie verwerflich das möglicherweise alles wäre. Sie atmete tief ein und betrachtete ihn dabei, wie er vorsichtig die Weingläser füllte. Als sie wieder ausatmete, beschlichen sie die anderen Geister. Was würden ihre Eltern denken wenn sie – aber diese Zeiten waren vorbei! Was wenn er sich in sie verlieben würde – mehr wollte? Was wenn sie sich verlieben würde – er aber nicht mehr wollte? Was wenn … Er drehte sich zu ihr um und reichte ihr das Weinglas. Ihre Gedanken fielen vom Himmel wie Sterne in einer Vollmondnacht. Seine Augen, sein Blick schien sie zu hypnotisieren, sie magisch anzuziehen. Die Gläser stießen aneinander. Der Klang von zerbrechlichem Glas, so dunkel, so tief und voll, erfüllte ihre Ohren, zitterte in Wellen durch ihre vereinten Gerüche in der Luft. Das Feuerwerk an Vorstellungen begann sie wieder einzunehmen. Sie roch seinen Duft auch gerne, war aber zu verlegen darüber es ihm so offen zu gestehen. Als sie das Glas zu ihren Lippen führte und ansetzte, war er unfähig etwas zu sagen oder zu tun. Er schaute sie nur an. Der tiefe und volle Klang dröhnte noch in seinem Kopf, bebte noch in seinen heißen und blutgefüllten roten Ohren. Sie trank einen kleinen Schluck. Für ihn vergingen dabei Stunden. Es war als könne er fühlen, wie sich ihre Lippen um das Glas legten, sich am zerbrechlichen Rand anschmiegten, als der Wein wie ein öliger Film über das Innere des Glases zog und Zentimeter für Zentimeter auf ihren Mund zu lief. Die Konzentration fiel ihm schwer, ein Wechselspiel aus Kraftkontrolle das eigene Glas in seiner Hand nicht zu zerbrechen oder es wiederum fallen zu lassen. Er roch ihren Duft, der seine Nase in Besitz genommen hatte und seinen Bauch leicht machte wie die ersten 30 Sekunden der Fahrt in einer Achterbahn. Die Vorstellung wie sich ihr Geschmack mit dem bittersüßen des Weines in ihrem Mund vermischte. Die blutrote Flüssigkeit ihre Zunge umspielte. Die Geschmäcker sich vermischten, schien ihn wahnsinnig zu machen. Als sie das Glas wieder von ihren Lippen absetzte, schaute sie auf und landete direkt in seine Augen. Gebannt blickte er sie an und bemerkte es erst kurz darauf. Verlegen warf er seinen Blick in das eigene Glas, als sie zu lachen begann. Verstohlen schaute er sie kurz mit gesengtem Kopf an und nahm dann ebenfalls einen Schluck mit geschlossenen Augen. Vor dem Fenster begannen die Grillen ihr Abendlied zu spielen, begleitet von den Dämmerungshymnen der Amseln. Es war zwar kühl aber die Vorfreude begann jedes Lebewesen von innen zu wärmen, von ganz innen heraus zu wärmen. Wie zu Beginn von jedem neuen Sommer und doch jedes Mal wieder erhofft und beängstigt, es könnte dieses Mal ausbleiben. Seine Verlegenheit schien ihr zu gefallen, nahm ihr die eigene Verlegenheit und gab ihr das Gefühl doch nicht so unerfahren zu sein, wie sie es anfangs befürchtete. Er saß auf dem Rand des Bettes und stützte sich mit einer Hand ab. Er wahrte einen gewissen Abstand zu ihrem Bein und genoss es sie so ungehemmt und sichtlich entspannt auf seinem Bett liegen zu sehen. Sie redeten weiter über relativ belanglose Themen und warteten darauf das etwas dabei war, dass das Gespräch in eine neue Tiefe führen könnte. Immer darauf bedacht nicht zu fiel von ihren Begehren zu äußern, obwohl es dieselben waren. Das Thema Sex war ihnen wie der Wein zu Kopf gestiegen, doch der bittere Abgang des Weines schüttelte sie in ihren Vorstellungen darüber. Die Anspielungen in ihren Gesprächen schienen sie beide immer dezent zu überhören. Als wollten beiden am offenen Ende des Abends, an ihrer Begierde aufeinander nicht schuldig sein. Vor ein paar Tagen noch hatte er sich vorgenommen keine Frauengeschichten mehr zu beginnen, den Pfad der Liebe wollte er wieder beschreiten, wie er es in seiner Jugend getan hatte. Dem Schmerz und dem Irrsinn aus dem Weg gehen. Erwachsen sein und bleiben wollen. Mit ihrer Rückkehr in die Stadt und dem Treffen auf der Straße warf sie all seine Vorsätze über den Haufen, ohne dass er es merkte. Als sie sich dort verabschiedeten und umarmten durchströmte ihn ihr Duft, er sprang aus all ihren Poren an ihrem Hals herauf und befiel ihn aus jeder einzelnen Spitze ihrer Haare. Der Blick aus ihren Augen schlug in seinem Magen ein, wie der unvorhersehbare prall gefüllte Kokon einer gläubigen Mehrlingsgeburt zionistischer Schmetterlinge, bunter und reichhaltiger Erfahrungen und goldener Unternehmungen in einer leichten und beschwingten Zukunft. In diesem Moment auf der Straße jedoch, war es nichts was seine Vorhaben hätte durcheinanderbringen können. Sie roch eben gut und gefiel ihm auch – aber sie war einfach viel zu jung für ihn und Punkt. Doch gerade jetzt war es schon wieder etwas anderes. „Wenn ihr wollt ist es kein Traum.“ Sie strich mit ihren Fingern über ein gemaltes und eingerahmtes Portrai von Theodor Herzl das über dem Nachttisch hing. Er folgte den Fingern und nahm einen weiteren Schluck Wein, als sie etwas zu erzählen begann. Es ging um ihren letzten und einzigen Ex-Freund. Erst verschluckte er sich fast, konnte es aber überspielen und war so konzentriert auf ihre Erzählung das er sich selbst daran Erinnern musste auf den Geschmack des Weines zu achten. In diesem Moment entfaltete sich die Süße, das Liebliche und Vollmundige in seiner Kehle. Er hatte den bitteren ersten Abgang verpasst und ging gerade in diesem süßen Moment mit seiner vollsten Konzentration auf. Jetzt atmete auch er tief aus, blickte sie an und beobachte selbst verloren in diesem süßesten aller bisherigen Momente das flackernde Licht- und Schattenspiel der Kerze auf ihrem Gesicht und in ihren Augen. Sie begann zu lächeln, erzählte aber weiter und richtete ihren Blick auf das Weinglas, das sie auf ihrem flachen Bauch abgestellt hatte und mit kreisenden Bewegungen den Wein darin atmen ließ. Dann machte sie eine Pause und schaute ihn an. Er war so fasziniert davon, dass er nicht mitbekommen hatte, ob sie ihm eine Frage gestellt oder mit ihrer Erzählung an einem Punkt angekommen war, der einen Abschluss bedeutete. Er schwieg und betrachtete den Wein, wie er in ihrer Hand seine Kreise drehte, als er die Pause bemerkte. Auf dem Weg zu ihren Augen ging er gefangen in ihrem weiblichen Zauberspiel. Ihr T-Shirt ließ plötzlich Haut von ihrem Bauch an der glitzernden Gürtelschnalle zeigen, es straffte sich und unter einem tiefen und unüberhörbaren Atemzug streckte sich ihr Oberkörper nach oben und zeichnete ihre festen jungen Brüste deutlich in dem Stoff ab. Unter einem leisen Stöhnen, das nur Engel und Geister die in dieser Situation gefangen waren vernehmen konnten, verfing er sich in ihren halbgeschlossenen Augen und wie in einem Strudel ging er in ihren Pupillen unter, wurde auf den Boden des Weinglases gezogen. Dem Strudel einer ihm bekannten Kraft, gegen die er sich verschrieben hatte, anzugehen, verlor er sich völlig. Der Kontrakt, den er unterzeichnet hatte, schien sich in seinen Finger zu entzünden und in Flammen aufzugehen. Mit einem Schreck und einer hektischen Bewegung ließ er ihn fallen und beobachtete seine flammenden, wallenden Ränder, wie er kräuselnd und schwarz brennenden zu Boden schwebend aufgehoben wurde. Niemals würde das Papier in seiner Form den Boden erreichen, niemals die Abmachungen darauf den Boden in ihrem Sinn berühren. Das war die einzige Tatsache, die ihm gewiss war, während die Ersten aufsteigenden verkohlten fetzten des Papiers vor seiner Nase tanzten und er den Geruch des brennenden Wunsches mit der Atemluft des nachlassenden Schrecks einsog. Mit ihren zarten Jahren spielte sie mit ihm und beabsichtigte seine Vorstellung, die Situation unter Kontrolle zu haben, für ihn gleich wieder geschehen zu lassen. Die Sicherheit, die gerade aufstieg, wie einen Schwarm weißer Tauben, nachdem die große Fackel entzündet worden war. Ohne Nachrichten an ihren Beinen, ohne Ziel, nur dem Himmel entgegen und in die große weite Freiheit hinaus. Wieder genoss sie seine Verwirrung und fühlte sich mehr und mehr in dieser Situation wohl. Auch wenn sie nicht wusste, was sie ihm antun würde, wenn sie nackt zusammenliegen oder sie auf ihm sitzen würde, mit ihren Haaren spielend und sich ganz langsam auf ihm bewegend. Auch wenn sie es sich nur vorstellen konnte und nicht wusste, wie es sich anfühlen würde, wenn die Innenseiten ihrer Oberschenkel sich gegen seinen Kopf drückten, während sie versuchen würde, ihren Kopf weiter nach hinten zu werfen, ihn in die Kopfkissen drückend und ihren Mund um Luft zu bekommen und aus lauter Lust weit öffnete. Diese Träumerei erregte sie und auch er machte den Anschein das sich etwas Neues, außerhalb der versuchten hinführenden Gespräche in ihren Köpfen abspielte und überhand gewann. Er wusste genau das sie ihn aussaugen würde. Das er sich verausgaben würde in dem Wissensdurst darüber, wie sie schmeckt, wie sie ihn ansehen würde wenn sie in Erregung ist und wie sie ihre Lust zum Ausdruck bringen, sich gebärden und gehen lassen würde. Sie löste ihre Hand, die sich in ihrem Wachtraum in der Wolldecke festgekrallt hatte und legte sie zwar voller Begierde, aber mit einer Flut von wiederkehrender Schüchternheit schnell auf seine. Sie schauten sich an und ihre Finger spielten miteinander. Sie hatten beide warme Hände, weiche und zarte Finger und konnten ihre Pulsschläge bei jeder Berührung spüren. Es funkte nicht, es war mehr wie ein magnetisches Spiel zwischen ihren Fingerkuppen. Während sie den ganzen Abend in ihrer Position verharrte, indem sie ihre Beine elegant übereinandergelegt hatte, musste sie sich aus ihrer Pose lösen. Sie begann stärker zu riechen. Ihre Ohren wurden so rot und heiß wie seine und ihre Atmung tiefer und schneller. Seine Augen schienen verrückt zu spielen. Bei jedem Atemzug versuchte er sich konzentrieren, was ihm aber sichtlich nicht gelang. Sie begann bei jedem Ausatmen wieder leise, helle und kurz anhaltende Töne von sich zu geben. Ihr T-Shirt rutschte dabei immer weiter nach oben und legte ihren Bauchnabel frei. Er setzte den kalten runden Fuß seines Weinglases auf ihrem Bauch ab und schaute ihr in die Augen. Erregt schloss sie ihre, ließ ihre Unterlippe verschwinden und zwischen ihren Zähnen wieder hervorkommen und wand den Kopf zur Seite. Es gefiel ihm wieder ein wenig Kontrolle über die Situation zu bekommen und doch wusste er, dass er sich ihr dadurch selbst nur weiter hilflos auslieferte. Ihre Brustwarzen stellten sich innerhalb weniger Atemzüge auf und drückten sich gegen die Innenseite des Stoffes ihres T-Shirts. Sie legte ihre Beine nebeneinander und winkelte das äußere leicht an. Ihre Hand begann seinen Arm zu streicheln und sich immer wieder kurz an ihm festzuhalten. Er stellte sein Glas Wein auf dem Nachttisch ab und nahm ihr das Glas vorsichtig aus der Hand. Sie schaute ihn an und beide begannen zu lachen. Ein befreiendes, spannendes Lachen. Fern von Vorstellungen und Ängsten, Befürchtungen und Spinnereien. Ein Lachen ganz tief im Augenblick.

2 thoughts on “Ingo Heckwolf – Und-anständig!

  1. Wer das am Stück zu Ende gelesen hat … verdient einen Preis! Vielleicht eine Miniaturausgabe der Säule der Toleranz?! 🙂 Absätze machen das Leb(s)en leichter – Phasen – Phrasen – ich mag es fahrig – sozusagen:
    read fast die young.

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