Jochen Schünemann – Alter Ego

 

Du musst wissen, dass du nur ein Statist bist. Wie die anderen. Eine Verzierung um meine Geschichte zu schmücken. Ich bin, weil das so ist. Du bist, wie alle, weil ich bin. Suche in den Büchern nach anderen Helden, nach anderen Gaunern und Halunken. Du wirst nur einen Protagonisten finden, einen Mittelpunkt jeder Geschichte. Und das bin ich. Schreit auch das Innere nach außen auf ein Wir hinaus, so kann ich doch keine Illusion küssen und küsse deshalb mich selbst. Meine Galaxie überstrahlt die Heiligkeit der Momente und all der frischen Zweisamkeit. Selbst die Reklametafeln, die ich so verabscheue sind nur für mich inszeniert. Sie sind da um meinen Groll heraufzubeschwören, um aus mir einen Menschen mit einer Anti-Attitüde zu machen, der auf anarchistische Weise seine Welt verpönt. Mein Fleisch hat viele Frauenleiber geliebt und mein Herz um viele Frauenherzen geweint, um meiner Erzählung die dramatische Note zu geben, die sie lesenswert macht. Selbst meine treuen Freunde, die Zigaretten und die Alkoholika, sind lediglich Requisiten, um meiner Tragik das gewisse Etwas zu verleihen. Ich weiß, dass du das nicht hören willst. Du liegst neben mir. Deinen verschwitzten Busen drückst du an meine Brust und dein Arm umschlingt meine Schultern als würde ich entgegen der Schwerkraft auf die Zimmerdecke fallen, wenn du mich nicht halten würdest. Du genießt ein Wir, was ich durch deine geschlossenen Augenlider sehen kann und versuchst es krampfhaft festzuhalten. Auch ich versuche mich eindringlich in ein Wir hineinzufühlen, während ich mit der rechten Hand deine braunen Locken um meine Finger wickle. Und der Gedanke an diese Absurdität ist schön, doch enttäusche ich dich nur in meinen Gedanken, bleibe stumm und küsse deine blasse Stirn. Ein Lächeln säuselt um deine Lippen und ich frage mich, wie lange du diese Rolle in meiner Komposition einnehmen wirst, in der du dich sichtlich wohl fühlst. Irgendwann wirst auch du von der Bühne gehen müssen, dann werden neue Statisten auf die Bühne stürmen und mir Schmerzen, Freude oder gar Langeweile bereiten. Ich möchte mich für deine Obsession bedanken, schweige diesen Dank in mich hinein und sehe, dass ich auch dich wegschmeißen werde. Doch wird diese Selbstkasteiung der Wahrheit nicht gerecht, so habe ich meine Geschichte nicht geschrieben. Ich bin nur der Protagonist, der der Feder einer anderen Hand entsprang, und mit analytischem Blick seine eigene Geschichte liest. Und mir wird klar, dass ich erst mit meinem Tod deinem Schatten Schlaf schenke und dir ein Leben lassen kann, das anderen gehört. Vor einigen Augenblicken hast du mich noch in dich aufgenommen, hast dich verzweifelt mit mir zu vereinen versucht. Denn wenn die Körper so verschlungen sind, müssen sich ja auch die Seelen berühren. Das hat mir dein zitternder Körper erzählt. Doch dann habe ich in deine Augen geschaut und die Sterne erblickt und mir wurde bewusst, dass sie nur am Himmel leuchten, um mich sehnend zu machen. Und die vielen Sterne, die ich in den etlichen Nächten nicht gesehen habe, schienen nur, um nicht von mir gesehen zu werden. Der Fatalismus des Egos trennt mich davon ein Teil zu sein, trennt mich davon ein Teil von dir zu sein und ich lege meine Hand auf deine Hüften, drücke deinen Körper an mich und flüstere dir ins Ohr: „Danke, dass du für mich leuchtest.“  Traurig bin ich stolz den Mut zu haben, meine Egozentrik nicht zu verneinen.

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