Jochen Schünemann – Eminente Stille

Gedanken an Gedankenlosigkeit

 

Eminente Stille. Mein letzter Wille diese Welt zu fluten mit den Perlen, die meine Wangen zieren würden. Doch Welt lässt keinen Raum zum Weinen, die Geister zu vereinen, die der Vergangenheit erwachsen und die Zukunft dumpf zerschmettern. Einsamer Clown auf großer Manege, langweilige Askese, hoffnungslose Pflaster auf verbluteten Narben. Daidalos! Wo ist deine Idee? Ikarus! Wo deine Tat? Spinnweben netzen das Dahinleben. Flüssiges Wachs tropft von den angesengten Federn. Kein Sonnenusurpator mehr. Was mir bleibt? Nächtliche leere Straßen. Rausch am Anschlag. Weingeschwängerter Liedschlag. Wenn das mein letzter wäre, ließ ich diese Schwere längst hinter mir verbrennen im behüteten Haus, das ich den Flammen gab. Doch lab ich mich weiter, wälzend, krabbelnd, sabbernd an Fata Morganen, Fantasmagorien, die meinen Willen verschlingen, den stillen Schrei die letzte Bürde zu zerschmettern. Das Kreuz in dem die Nägel hängen, die frisch von Tag zu Tag in die dürren Hände treiben. Das Fleisch reißt an den Seiten, wieder möchte ich weinen, doch der Dornkranz bereitet nur Schwindel in meinem Kopf. Taumel durch die spitzen Waffen, die sich unter meine Kopfhaut bohren. Auserkoren denkend zu sein. Aber nein! Sokrates schwang den Schierlingsbecher nicht aus Würde, sondern aus Müdigkeit. Keine Stimme des Daimonions, nur Lust zum Schlafe. Verflucht! Denkender Manegenfüller, dann bald wieder heim in den Keller der Denkspiralen, wo Geister und Dämonen Tanzball halten. Wir sind alle Jesus, doch Schande denen, die es wissen. Der Weltenschmerz lullt uns alle ein. Lebend krepierend mit irisierendem Schuppenpanzer. So stehe ich erneut auf Manegenfeldern, Schlachtbühnen, verbeuge mich vor Pierrots, die mir aus Spiegeln entgegengaffen. Zucker für die Affen, die sich selbst Demutsbeugen geben. Mache keinen Hehl aus meinem Selbstbetrug, denn Körper und Herz ist auf Entzug von all den Dingen, die von Emotionen handeln. Ihr wollt, dass ich glücklich bin? Gebt mir ein Beil und ich hau mir selbst den Kopf entzwei, dann sind alle frei: Gedanken, die den Gang so lähmen. Erinnerungen, die mir die Sicht verkleben. Zukunftsängste, die aus dem Gestern brüllen und Träume, die ihr Gesicht verloren. Wenn ich nicht zu müde wäre, würde ich mich beweinen. Aber ich schenke dir, dem Mir, nur einen Blick voll Spott entgegen und schaue angewidert in die Ferne, in der Hoffnung Aurora würde mein Firmament verzaubern. Ohne Zaudern würde ich mit meinen Augen in diesen Augenblick hineinblicken und ihn sacht mit meinen groben Händen in ein goldenes Kästchen legen und tief in mir verwahren. Doch Äther ist so zäh. Immer Schlieren vor den Augen. Eitriger Auswurf trieft mit Schleimhautsekreten. Wieder ergebe ich meine Welt einem Ohnmachtsimperium. Statisten sind aus Eis und mein Schweiß klebt kalt an der hämmernden Brust, die bettelnd schreit: „Bitte, bitte, diesmal Donner, schlag mein Herz zu tausend kleinen Scherben.“ Von den Winden weggeweht in die weite Steppe der Vergessenheit. Würde gerne nach Hause gehen, wenn ich eins fände. Schlicht sagen, Schluss mit der Theatralik und der schlechten Dramaturgie, doch Geschichten enden nie, wie man sie gern hätte. So bleibe ich in dieser Kette und schleppe mich von einer Seite zur nächsten des eigens für mich geschriebenen Dramas. Dalai Lamas Schwadronieren kotzt mich an. Ich glaube nicht an mich und auch nicht an das Gegenüber, das mir mit genauso leeren Augen entgegenschaut.

 

Eminente Stille, schenke mir deine zarten Harmonien. Lass mein Herz zu deiner tonlosen Musik schwingen. Dem Protagonisten ausgeschaltetes Bühnenlicht. Keine Stimme, die aus ihm spricht. Kein Gedanke, der in ihm keimt. Stummer Applaus zu leisem Abgesang. „Gefallen am Nichts“ („Le gout du néant“) hat Baudelaire gesagt. Und ich sage es wieder: „Lawine, willst du in deinem Sturz mich mit dir nehmen?“ („Avalanche, veux-tu m´emporter dans ta chute?“)

 

Charles Baudelaire: Gefallen am Nichts („Le gout du néant“) aus Die Blumen des Bösen („Les fleurs du mal“); Erstausgabe 1857.

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