Verena Reiss – Eigentlich

Ich sitze abends in der Straßenbahn, die Reime und Metaphern klingen mir in den Ohren nach, und ich weiß schon, dass ich sie nicht aufschreiben werde.
Die Zeit fließt dahin. Sie zieht mich mit sich fort,
ich hetze und stolpere von Ort zu Ort
und keiner dabei, an den ich wirklich will.
Betäube mich mit Nächten und Rauschen,
weil ich all die sinnlosen Pflichten nicht ertrage
und nicht ertrage, dass ich es nicht wage,
nur einmal gegen sie anzugehen.
Die Reime und Metaphern kann ich nicht vergessen,
kann auch die Träumerei nicht lassen,
die Worte tauchen auf und unter,
in mir geht es drüber und drunter.
Ich zittere und zappele, bebe und gebe
mich auf und ab und
gebe auf und
stehe wieder auf
weil ich muss.
Dabei will ich doch liegen bleiben,
will mich lieber unter selbstgeschriebenen
Blätterbergen begraben,
als den Alltagsstumpfsinn zu ertragen.
Denn es ist die Kunst,
die meine Tage füllen soll.
Ich will, dass die Worte meinen Kopf füllen,
mich von innen nach außen wühlen
und mir wieder das Gefühl geben,
dass alles erreichbar ist im Leben,
nur weil ich über alles schreiben kann.
Doch dann und wann
verliere ich die Zeit. Die Zeit verliert mich.
Und ich schwimme als einziger Wassertropfen
in einem nie endenden Ozean.
Manchmal bleiben dann die Uhren stehen,
alle Motoren gehen
rückwärts. Der Ozean verklebt
zu einer zähen Masse, und
egal, was ich tue und lasse:
Ich komme nicht vor noch zurück
und das Glück rückt
in unerreichbare Fernen. Denn ich stecke fest
zwischen Zukunftsstress und Zeitanzeigen.
Wenn ich mich bei allem, was ich wirklich will
fragen muss, wie viel
Zeit dann noch für anderes bleibt –
dann erstickt die Fantasie
und mit ihr verblassen alle Farben.
Bis ich wieder vor der rauschenden Stille stehe,
vor lauter unterdrückten Worten nicht mehr sehe,
zu was mein Alltag eigentlich noch taugt.
Bis ich nirgendwo mehr bin,
weil aller verlorene Sinn
für mich im Schreiben liegt,
die graue Zukunft die Freiheit besiegt.
Aber eigentlich sollte mir das egal sein.
Ich sollte schulterzuckend über
die Leichen meiner eigenen Träume gehen,
trotz Kurzsichtigkeit klar in die Ferne sehen,
und das ohne Brille.
Denn die war die Kunst.
Aber ist sie weg,
reißt sie ein riesiges Leck
in meinen Rumpf
und ich muss weiterfahren.
Darf nicht mal untergehen.
So hetze ich eben weiter,
ganz unbeschwert und heiter,
renne immer gelassen durch die Welt,
wenn ich lache, ist es nie verstellt, und –
Nein.
Es bleiben nämlich täglich Fragen,
die sich lauthals durch die schwarze Stille jagen,
tausend Gedanken,
die sich um meine Beine ranken
und mich zum Stolpern bringen.
Und Gefühle, die in meinem Herz um Plätze ringen,
weil eigentlich schon alles besetzt ist,
mein Blick von Tränen und Schweiß benetzt ist.
Ich sitze und stehe wankend und hinke,
wenn ich gehe,
der Welt und der Zeit hinterher,
sobald meine Schreibfeder schweigt.
Und es soll mir egal sein.
Aber das ist es nicht, nein,
und deshalb nehme ich den Stift und bleibe solange,
bis er wieder schreibt.
Und dann erzähle ich euch davon, weil ihr vielleicht auch manchmal abends in der Straßenbahn sitzt und wisst: Das, was ihr eigentlich wollt, ist das einzige, wofür die Zeit nicht reicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.