Verena Reiss – Rote Luft


Im roten Dunstnebel, die Luft dick, brütend und undurchlässig, bahnt sie sich ihren Weg durch die Menschen. Dicht gedrängt stehen sie wie Bäume, ein Wald laut lachender Gesichter, Bierflaschen in der Hand, und dazwischen, hier und da, glänzende Flecken nackter Haut.
Gestoßen wird sie, hin und her, so kommt es ihr vor, wie ein Kegel, hin und her, zwischen den hitzigen Menschen, die in der Luft aus Heiterkeit kaum merkbar wanken. Versucht ihnen auszuweichen, sich wegzuducken, es ist unmöglich, sie scheint gefangen im nächtlichen Zwielicht dieser Kneipe.
Undenkbar klein und zerbrechlich fühlt sie sich im Knäuel der schönen Menschen. Fällt kaum auf, denkt sie, ich falle kaum auf, ich falle raus, der Kopf zu voll, das Herz zu schwer, ich falle raus hier. Zu viele Gedanken sind da und all die Gefühle, umhergetrieben, herausgeplatzt, dumpf und taub bleiben sie hängen im Rhythmus der Musik. Gitarrenschwer ist die Luft, bierschwer, hölzern, voll ausgeschwitzter Lebenslust, alles um sie ist schwer, sie begreift kaum die Leichtigkeit der Feiernden.
Dann wird sie auf die Bühne geschwemmt und soll tanzen, wogt mit, der Körper, das ängstliche Tier, gehorcht kaum, tanzt unbefreit, will sich am liebsten zusammenkauern, hier, jetzt, auf dem blanken Boden, warum nicht, Ohren zu und Augen zu, alles zumachen. Vor allem diese Leitung, irgendwo neben dem Tränenkanal gelegen, aus der die Schwere hervorgeflossen kommt.
Um sie herum die tanzenden Paare verhöhnen sie, Männer und Frauen, die Körper zum Takt, geschmeidig, ihre Konturen verwischen, schmiegen sich aneinander, kraftvoll und begehrend. Die Gesichter verschwimmen zu Fratzen leuchtender Augen, offener Münder. Der Anblick schmerzt sie so sehr. Es ist, als verrate sie ihren eigenen Körper, am liebsten würde sie ihn beschützen, wegnehmen von hier und nie wieder preisgeben.
Eine von diesen Frauen sein, dann wäre es leichter, dann passte sie hierher. Wie viele Nächte hat sie schon durchtanzt und war einer der Körper, die sich immer schneller an einen anderen reiben, aufreizend, auflachend, selbstbewusst – wie oft ist sie in fremden Räumen erwacht, doch was blieb?
Einmal blieb sie hängen, im falschen Bett, genau einer dieser Menschen war er, hat sie weggepflückt von der Tanzfläche, sie ließ sich treiben und tauchte erst im Morgengrauen zwischen seinen Laken wieder auf.
Und dann spürt sie seine Hände zwischen der Masse aus Körperteilen, seine Haut hängt in der Luft, zum Berühren nahe, alles ist durchdrungen von ihm, die Musik, der Boden, auf dem ihre Füße gerade müde versuchen, sich loszulösen. Alles nur er. Sein Geruch, seine Haare, das Gesicht nah vor ihrem. Als löse er sich auf und lege sich auf sämtliche Oberflächen, würde zu dieser Kneipe, zu jedem einzelnen Detail.
Sie fühlt sich verraten, spürt hilflos die Kluft wachsen zwischen sich, ihm und allem, was sie umgibt. Hämisch kommt ihr das Lachen der Feiernden vor, sind alle stärker als sie, ist es denn schwach, aus dem Takt zu geraten?
War er es, der sich nie gefragt hat, ob sie ist wie die anderen, die er an diesen Abenden antraf, oder war es sie selbst, die versucht hat, mitzuschwingen in einer Woge von Menschen, zu denen sie nicht gehört?
Sie weiß, dass sie kein Teil mehr davon ist, will es gar nicht sein, erstickt im roten Dunstnebel, ein kleiner Tropfen in einem Meer aus Feiernden, irgendwo in einem Kellerloch unter den Straßen der Stadt, in einer ganz normalen Wochenendnacht, und dort oben laufen die Menschen grölend unter den Straßenlaternen, von einem Vergnügen zum nächsten, sie ahnen nichts von der Ertrinkenden und werden nie anfangen aufzuhören.

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