Verena Reiss – Gespenster


Bleib doch noch, es ist gerade so schön hier“, sagt er und sitzt lächelnd neben ihr an einem Sommerabend über den Dächern der Stadt. Doch während sein Blick leuchtet, ist ihrer matt, und während seine Füße frei in der lauen Abendluft baumeln, hat sie ihre gegen die Mauer gepresst, als fürchte sie loszufliegen. Seine Hand liegt auf ihrem Knie, sie lächelt schwach und streichelt sie, und doch fühlt sich die Hand ganz falsch an, so schwer und hart scheint sie ihr.
Knisternd zündet er seine Zigarette an, bläst den Rauch hinaus in die Nacht, den Bergen entgegen, deren Konturen vor dem tintenblauen Himmel über der Stadt schweben, und sie fragt sich, was man gegen Fernweh tun kann. Dort unten sind die Lichter noch an, Stimmen klingen zu ihnen wie Gespenster und hinter einem dieser tausend Fenster liegt der Grund, warum sie nachts nicht schlafen kann.
Leise hustet er neben ihr, schnippt die Zigarette den Abhang hinunter, wo sie sich im Schwarz verliert, nimmt seine Hand von ihrem Bein und legt sie stattdessen auf die Mauer. Sie betrachtet ihn, wie er in die Ferne hinaussieht, die sanfte Furche auf der Stirn, ein ernster Zug um den Mund, und sie denkt: Er muss die Kälte ihres Körpers spüren.
Sie fühlt sich, als würde sie jeden Moment vornüber kippen und hinuntersegeln in diese Straßen, orangerot beleuchtet, das Gehupe, das träge Gewusel, die Spielzeugautos, die Ameisenmenschen, die Straßenbahnen wie Gewürm, ein anonymes Stimmengewirr zwischen dichten Häuserecken, wie eine Modellbaulandschaft sieht es aus, nur etwas verbrauchter.
Lieber wäre sie mit ihm jetzt dort unten. Sie könnten sich die Seele locker trinken, tief in den Straßen der Stadt versinken, und irgendwann würde sie, mit ihm an ihrer Seite durch die Gassen schweifend, endlich alles andere vergessen. Sie könnte sich bei ihm zuhause eine Höhle bauen, im Schutz seines Zimmers darauf vertrauen, dass keine Gespenster mehr durchs Fenster dringen. Sie könnte ihm ihre traurigsten Lieder singen, denn die traurigsten sind die schönsten, und würde ihn halten, damit er ihre Traurigkeit wieder vergisst.
Stattdessen sitzen die beiden dort oben, bewegen sich kaum, nur der Wind fährt durch ihre Haare und durch ihre Kleider und lässt sie frösteln, doch anstatt näher an ihn zu rücken, hält sie die Kälte lieber aus. Am liebsten würde sie ihn fragen: „Kennst du denn das Gefühl, wenn man eigentlich bei diesem Menschen ist und dabei einen anderen vermisst, kennst du es denn und kannst du mir verzeihen?“
Um sie herum wird es dunkler, die Luft verschwommen, wie benommen sitzen sie dort über dem Lichtermeer. „Ehrlich, ich würde lieber hier oben bleiben“, sagt er und sein Feuerzeug klickt, er hält ihr seine Zigarette hin, warum nicht, sie betäubt sich mit dem fahlen Geschmack, atmet langsam aus und nickt kaum merklich. Versucht zu lächeln, obwohl er sie gar nicht ansieht.
Sie legt den Kopf an seine Schulter, er den Arm um sie, ihr Blick ist müde, leise drückt sie die Augen zu, fühlt mit der Schwärze vor Augen nur noch stärker diese Hand auf ihrer Schulter, es ist unbequem, ihr Nacken schmerzt und seine Schulter drückt sie, aber sie wagt nicht, sich zu bewegen.
Irgendwohin gehen, wo niemand uns finden könnte, denkt sie wieder, aber es ist unmöglich. Dann wirft sie einen Blick auf die Uhr, die letzte Bahn, wie oft war sie schon froh um diese Ausrede. Der Kies knirscht, als sie von der Mauer springen, ihre Blicke sind verschwommen und beide wanken sie leicht, und jetzt, im Gehen, ist sie plötzlich froh, ihn an ihrer Seite zu haben. Er zieht die Augenbrauen hoch und lächelt, einmal mehr, sie lacht leise zurück, ein betrunkenes Lachen.
Ja, heute wird sie alleine nach Hause gehen, aber nur um zu verstehen, wie sich der Wind so drehen konnte gegen die beiden und wie sich seine Hand so falsch anfühlen kann, warum sie weiß, dass es sie ist, die falsch liegt und sie doch nichts dagegen tun kann, und warum sie gleichzeitig jemand anderem mehr Platz einräumt und neben niemandem lieber diesen Berg hinablaufen würde als neben ihm.
Ihre Arme berühren sich im Gehen, fast schon schlägt es kleine Funken, beschwingt laufen die beiden den Weg entlang, sie brauchen keine Worte, schon längst nicht mehr. „Wenn ich jetzt gehe, dann nur damit ich dich morgen wiedersehe“, denkt sie und würde es ihm am liebsten sagen. Mit einem Blick auf seine lächelnden Lippen weiß sie, dass er sie trotz allem gerne sehen wird.
Und würde man die beiden nebeneinander hergehen sehen, wortlos und doch ist es so deutlich, dass sie sich verstehen, dann würde man nichts bemerken von alldem, was zwischen ihnen steht.

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