Verena Reiss – Theater


Wie ein Dämon schleicht sie hinter den Kulissen.
Der berauschende Geruch des Theaters, Süße und Moder, mischt sich in ihrer Nase. Sie inhaliert es tief, tief. Die einzige auffindbare Tiefe in diesen Gemäuern.
Mal hier, mal dort glänzt ein Samtrot hervor. Dazwischen kahle Wände, einst klinisch weiß, doch schon von diesem grünen Hauch des Moders befangen. Dunkle Möbel starren ihr entgegen, herzlose Aktenschränke, Türen, hinter denen die Bretter lauern und drängen, betreten zu werden. Vorbei an den Kostümständern, weht ihr ein Hauch entgegen, von Freude und Leid, von gespielten Emotionen, schwitzigen Rauschen aus Applaus und realitätsnäherer Verzweiflung.
Sie streicht die Jacketts und Rocksäume und einmal mehr überkommt sie der pure, taube Hass auf dieses Theater, das selbst nach den Proben nie aufhört, Theater zu sein.
Dort steht er, am Ende des Flurs, steht ihr entgegen mit seiner typischen Miene, der ihm eigenen Ausstrahlung, die Sympathie und Arroganz auf gewiefte Art zu vereinen weiß und aus der Unnahbarkeit betörende Männlichkeit spinnt.
Schon steht sie vor ihm und spürt dem stechenden Atem im Gesicht. Worte brauchen sie nicht, auch keine Gefühle. Der Rausch genügt, scheinen beide zu wissen, als er sie gegen die Wand drückt, die Lippen gebieterisch auf ihre drängt und anfängt, sie aus dem Kostüm zu schälen. Beide wussten, dass es so kommen würde, niemals wäre es außerhalb des Theaters passiert, doch hier ist jeder Skandal erlaubt, jeder menschliche Abgrund willkommen.
Sie weiß, dass sie es nicht will und einmal, in grauer Vorzeit, eine andere Vorstellung hatte vom Leben. Sie weiß es auch in diesem Moment, als die betörende Männlichkeit zu purer Grobheit umspringt und sie spürt, sein fester Griff an ihrer Hüfte duldet keinen Widerspruch, zeigt jetzt schon die Züge der Gleichgültigkeit, mit der er sie nach diesen Minuten versehen wird. Sie weiß es und wehrt sich doch nicht, bleibt kleben an der kahlen, rauen Wand, lässt den leblosen Blick ohne Ziel im fahlen Kunstlicht schwimmen, ist nur noch Körper, Fleisch und erstickte Lust.
Denn hier in diesen Fluren werden menschliche Abgründe zu Kunst gemacht. In diesen Kostümen ersticken Menschen, bis sie ihr Herz in immer gleichen Dialogen ins Publikum schleudern. Hier in diesen Nächten ist man ewig jung und die Jugend ist arrogant, drängend, unnahbar. Voller Lust und ohne Wärme. Auf diesen Bühnen ist man maschinell betrieben, wird man nach Wünschen geformt und gehobelt und unter viel Druck aus dem Rohen geschliffen. Hier ist man. Theater.
So denkt sie stoßweise, mit flachem Atem, als er schon längst wieder gegangen ist. Mehr als ein Scheppern der Gürtelschnalle und kalte Schritte auf kaltem Boden war der Abschied nicht wert. Mehr als ein paar Minuten in seinem Leben war sie nicht wert, und wusste es doch vorher schon.
Hier, in diesen Hallen, hat sie ihre Träume gelassen und Jahre ihrer Kindheit und fühlt sich doch, erwachsen, verwundbarer denn je.

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