Ingo Heckwolf – Sozial-Schwach-Sinn

Die Formulierung „Sozial schwach“, die den Zustand jener Bevölkerungsgruppe innerhalb
unserer Gesellschaft beschreiben soll, welche stigmatisiert wird durch ihre mangelnden
Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe in Bildung, Kultur, Kunst, Ernährung, Sport und
vielen rudimentären Selbstverständlichkeiten unserer Gesellschaft selbst, ist mir unfassbar
peinlich und mit größter Fremdscham verbunden. Denn „Sozial schwach“, erscheint mir eher
jene Gesellschaft selbst zu sein, die es zulässt und duldet, dass es unter ihr Mitmenschen in
diesen unerträglichen Umständen gibt. „Sozial schwach“ sind und zeigen sich mir vor allem
auch jene gesellschaftlichen Individuen, welche diese Formulierung weiterhin so
selbstverständlich verwenden. Es sagt viel über sie aus und wirkt auf mich jedes Mal wie eine
Offenbarung, in der sie sich selbst den Spiegel vorhalten, wenn sie diese Bezeichnung erneut
ausgesprochen haben. Denn im Grunde, ist (wird) diese Bevölkerungsgruppe in unserer
Gesellschaft nur eines, nämlich „Monetär schwach“ (gehalten).

Andere Mitmenschen bewusst zu ignorieren, ist zum Beispiel ein individuelles aber auch
kollektiv auftretendes sozial-schwaches-Verhalten. Die Schwäche besteht darin, nicht in sich
selbst sozial gefestigt genug zu sein und somit nicht in der emotionalen und sozialen, ja im
schlimmsten Falle sogar, nicht die mitmenschliche Konstitution in sich zu tragen und zu
besitzen, die es zum Beispiel braucht, um Mitmenschen beim vorrübergehen auf der Straße
mit einem „Hallo“; einem „Guten Tag“; einem Kopfnicken oder mit einem aufmerksamen
Augenblick zu Grüßen.

„Sozial schwach“ beschreibt darüber hinaus auch eine gänzlich unausgebildete Empathie und
somit, dass mehr als mangelnde Einfühlungsvermögen für Gefühle oder Lebensumstände der
direkten Mitmenschen in der eigenen Lebensrealität und Umwelt; so wie weitergefasst, der
Mitmenschen in der eigenen Gesellschaft. Sich selbst als etwas „Besseres“ zu fühlen ist ein
weiterer, mir höchst peinlicher und um nicht zu sagen sogar an Asozialität grenzender Aspekt.
Die Konsequenzen sozialer Schwäche sind individuelle Vereinsamung, Abschottung von der
Außenwelt, im bürgerlichen Sinne bildlich dargestellt, als geschlossenen Rollläden, dichten,
zugezogenen Vorhängen und hochgewachsenen Hecken zu jeglicher umgebener
Nachbarschaft, wie man es so oft, vor allem in den Reichen Viertel beschauen kann. Parallel
bestehen auch kollektive Milieukreise, die stets unter sich bleiben, sog. „Sozial-Schwache-
Clans“, welche meistens freiwillig in den eben angesprochenen sog. „Sozial-Schwachen-
Ghettos“ wohnen.

Nicht selten zeigt sich die Bereitschaft mit einem Groschen auszuhelfen oder eine Gefälligkeit
im Sinne der Solidarität und des Miteinanders, gerade bei jenen Individuen, welche von der
Formulierung und Bezeichnung „Sozialer Schwäche“ betroffen sind. Und tatsächlich
beschreibt ja im genaueren Bedenken des Ausdrucks „Sozial Schwach“, dass eben das, was
wir als „das Soziale“ bezeichnen, nämlich unser allgemeines gesellschaftliches Miteinander,
gerade in diesem Bereich in unserer Gesellschaft, höchst auffällig Schwach ausgebildet zu
sein. Somit ist im Folgenden nicht eine bestimmte Gesellschaftsgruppe stigmatisierend mit
der Formulierung und der Bezeichnung „Sozial schwach“ angesprochen, sondern eben unsere
sog. „Gemeinschaft“ als Gesellschaft allgemein sozial Schwach zu verstehen. Eine
Selbstkritik, mit weitreichenden Konsequenzen, die ernstlich in unser aller Bewusstsein
rücken sollte, alleine schon, wenn man auf die aktuellen politischen Veränderungen im
Hinblick auf das Wahlverhalten blickt – aber das nur am Rande.

Das Problem ist hausgemacht und es lässt sich auch nur in diesem Haus wieder lösen. Und es
ist auch kein Naturgesetz, wie es manche in ihrem Klassenbewusstsein gerne denken, ebenso
wenig, wie unsere Demokratie ein Naturgesetzt ist. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen,
welches, um es zu verbessern und weiter zu entwickeln, gleich unserer Demokratie, jeden Tag
aufs Neue von uns (allen) mit Wort, Tat und vor allem mit Geist als Gedankengebäude des
Miteinanders und der Aufrechterhaltung der individuellen Freiheiten, am Leben erhalten
werden und muss. Die Formulierung und Bezeichnung „Sozial schwach“ befördert hingegen
genau diese Art und Weise zu denken, zu handeln und zu sprechen, welche die Schwächung
des Sozialen, des Miteinanders in unserer Gesellschaft weiter vorantreibt. Das Ergebnis ist die
Förderung von Entsolidarisierung, gelebter und spürbar erfahrbarer Ungleichheit, Frust,
Ohnmacht, Trotz und schließlich Verdrossenheit, Desinteresse, bis hin zu Hass und
Rachegefühlen, also zu einer höchst dysfunktionale Gesellschaft.

In einer Parabel könnte man auch von „Sozial arm“ sprechen und damit sowohl die Armut der
Bevölkerungsgruppe an ökonomischer, also den monetären Möglichkeiten der Teilhabe an der
Gesellschaft, als auch den „sozialen Arm“ der Gesellschaft beschreiben, um diese Menschen
in das gemeinschaftliche Miteinander der Gesellschaft einzubeziehen und darin zu
unterstützen, ein Leben in Teilhabe an der Gesellschaft führen zu können. Wobei dieses
Unterstützen nicht als ein lebenslanger Prozess der Fürsorge zu verstehen sein darf, sondern
als ein emanzipatorischer, handlungsfähig machender und selbstwirksamer Prozess, um fortan
ein Leben in eigener Fürsorge und als wirklicher, selbstständiger und vollwertiger Teil der
Gesellschaft von diesen errungen aber auch, und das ist viel wichtiger, so von diesen gefühlt
und erlebt werden muss. Denn dies ist die Grundlage, diese individuelle Erfahrung und das
tägliche Erlebnis, ein sinnstiftender Teil der Gesellschaft zu sein und nicht bloß als
abgehängter, ungeliebter und ums Überleben in dieser Gemeinschaft zu streitender und
kämpfender Almosenempfänger zu sein, der die weiteren Prozesse in Interesse an (Weiter-
)Bildung, Kultur, und vor allem an politischer und demokratischer Entwicklung aufgrund des
Zugehörigkeitsgefühl in dieser Gemeinschaft bildet und ebnet. Abschließend bleibt nur übrig
zu sagen, dass wir uns in Zeiten einer wachsenden Demokratieverdrossenheit die sich uns
durch eine Abkehr von unserer freiheitlichen demokratischen Grundhaltung und Lebensweise
im aktuellen Wahlverhalten nur zu offensichtlich darstellt, nicht weiter leisten können, wenn
wir nicht in Zukunft in einer sprachlich formulierten Gesellschaft von „Demokratie schwach“
bis „Demokratie arm“ leben wollen.

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