Charlotte Pechau – Romantischer Eskapismus

Sehen Sie, als ich heute Morgen von der Schwester geweckt wurde, wusste ich sofort, dass es wieder so weit war – dieses unbestimmte Stechen in der Brust, dieses Kribbeln in den Beinen… Sie kennen ja die Symptome zu Genüge. Nun, ich wusste also, dass der Anfall kommt, allerdings wusste ich genauso sehr wie machtlos unsereiner dagegen ist. Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch, meine Herren, ich habe ja die Tabletten genommen – jeden Morgen mit einem Glas Orangensaft, so wie der Doktor es verordnet hat – aber, wenn es dann doch wieder einmal passiert, ist jeder gute Wille zwecklos, das sehen Sie doch ein? Glücklicherweise, durch Fügung oder durch die zwangsläufig einsetzende Gewöhnung an mein Leiden, war ich geistesgegenwärtig genug mir die Schuhe überzustreifen, bevor ich das Sanatorium verließ, sonst- Ja, werter Herr Direktor, so wahr ich hier stehe- Nein, es war nicht vorhersehbar, es hat mich einfach überkommen, ich versichere Ihnen- Ja, natürlich. Ich werde mich auf das Wesentliche beschränken. Als ich dann also erstmal dort oben stand und um mich blickte und die Luft einatmete…diese Luft, müssen Sie wissen, ist einfach ganz anders als hier unten… so klar… so…rein… und dieser Himmel…so unendlich blau…mit Verlaub, meine Herren, so etwas können sich die meisten Menschen hier unten gar nicht vorstellen- Wie?- Ja, natürlich, Sie haben ja vollkommen Recht, so oft habe selbst ich Psychotiker sie im Stillen beneidet, all diese glücklichen, gesunden Bürger, die dem Staat nicht zur Last fallen…Verzeihung, Herr Direktor, selbstverständlich, ich werde versuchen mich kurz zu fassen. Nachdem ich also den schweißtreibenden Aufstieg bewältigt hatte- 300 Höhenmeter, das allein zeugt schon davon, dass kein gesunder Mensch so etwas auf sich nähme- und mich umgesehen hatte um meinen Wahn zu befriedigen, bewegte ich mich ein wenig am Rand des Tales entlang. Ich erinnere mich noch daran, dass ich den unbändigen Wunsch verspürte zu sehen, was hinter den Hügeln läge – ein Ziel, das mir in meiner Verwirrtheit vollkommen nachvollziehbar erschien. Ich nehme an, Sie wollen das gesamte Ausmaß der Misere erfahren? Nun, Sie wissen ja bereits, dass ich einen ganzen Tag und eine Nacht in meinen Wahnzuständen gefangen blieb. Tagsüber war ich mehr oder weniger orientierungslos umhergewandert und als es dämmerte, stieß ich auf etwas, das früher wohl einmal als menschliche Behausung gedient hat, ganz allein in dieser Ödnis… Ich weiß, was Sie nun denken werden, ehrenwerte Herren, Sie, die Sie ja schon zahllose meiner Anfälle geduldigst ertragen mussten. Sie werden annehmen, ich wäre, nun, da mein Zustand schon einen ganzen Tag angedauert hätte, schließlich zur Vernunft gekommen und hätte mich – um dort oben wenigstens den Anschein menschlichen Verhaltens zu wahren – schnellstmöglich in ebendiese Behausung begeben. Aber – und das zeugt gerade von der Ernsthaftigkeit meines Falles – bedauerlicherweise tat ich das eben nicht. Vielmehr – es ist schwer zu gestehen, glauben Sie mir – vielmehr legte ich mich sogar auf den Flecken Erde daneben! Ja, wie ein stumpfes Tier rollte ich mich zusammen und schlief aus freien Stücken unter dem Sternenhimmel ein. Aber – was das für ein Gefühl war… dort draußen zu schlafen… Man sollte meinen die Kälte und die Würdelosigkeit des Aktes hätten mir meine Fantastereien mit der Zeit ausgetrieben. Doch weit gefehlt – stattdessen schienen diese Myriaden Feuerfunken dort droben mich wie magisch anzuziehen und weder Kälte noch Hunger konnten meine Trance stören… Waren es Minuten, waren es Stunden, die ich voller Staunen im taubenetzten Gras lag und die Nacht einatmete? Überall um mich herum raschelten unbekannte Wesen, trippelten tausend kleine Füßchen, doch ich hatte keine Angst, zu gebannt war ich von den…“Sterne hoch die Kreise schlingen…“ – Was das für ein Zitat ist? Ich muss gestehen, ich weiß es auch nicht, es kam mir seltsamerweise gerade in den Sinn… – Romantischer Eskapismus? Vermutlich haben Sie Recht. Solcherlei psychische Störungen sind schließlich Ihr Fachgebiet und ich bin über alle Maßen froh mein Schicksal in Ihren Händen zu wissen. Und doch… was für ein Gefühl…

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