Franziska Rauber – Ins Gesicht geschrieben (Teil II)

Als Rosarot und ich die scharfkantigen Treppenstufen zurück laufen, reißt sie sich aus meinem Griff los, die Tür auf und wirft sich in die Arme ihres Vaters. Er zieht seine Tochter an sich und vergräbt lächelnd seine Nase in ihren Haaren. Rosarot rollt sich in seine Armbeuge. Sie ist unbedarft und so leicht als würde sie die Schwere ihres Vaters absorbieren. Seitdem ich ihn kennengelernt habe, ist sein Bart stoppeliger geworden, die Wangen darunter schmaler. In der Hand hält er die letzten Münzen, sie sind kupferfarben und nicht einmal zwei K-Mark wert. Alles, was bleibt bis zum Monatsende – es sind noch zwei Wochen. Armut ist kupferfarben, die Leere im Geldbeutel zeichnet ihm Augenringe und Falten ins Gesicht, in denen Sorgen eingraviert sind, die nicht mehr weichen werden. Ich beobachte eine Falte dabei, wie sie zwischen den Augenbrauen eine Schneise ins Fleisch schlägt. Das ganze schöne Gesicht mit den dunklen Augen ist plötzlich durchgraben von Falten, die die Haut aufreißen.  Als wäre es nicht schon genug, dass sie Energie fressen würden, zeichnen Sorgen denjenigen, der mit ihnen zu kämpfen hat, wie Narben. An der Anzahl der Falten lässt sich das Alter eines Menschen ablesen, an ihrer Tiefe das Leben. Hätte der Mensch Schlangenhaut, könnte er sich herausschälen aus dem bitter Alten, Ermüdenden, abwerfen, was vergessen lassen möchte. Den Blick auf seine Tochter gerichtet, flüstert Rosarots Vater etwas, mehr zu sich als an irgendjemand anderen gerichtet. Er wendet sein Gesicht von ihr ab, schließt seine Hand um die Münzen und legt sie auf den Tisch.

 

Hinter mir schließt sich die Tür zu Rosarots Welt. Es ist Abend geworden über Buća Potok. Krähen kreisen auf ihren Windsegeln einen letzten Flug ins Abendrot. Von der nahe gelegenen Mülldeponie weht eine Fahne wie Mundgeruch herüber. Die noch unbeleuchteten Häuser wirken wie Gesichter mit leblosen  Augenhöhlen. Wenn dieser Ort verloren ist, so ist er verloren schön.

Ich trete leichtfüßig meinen Rückweg in die Stadt an, drehe mich noch einmal um zu den Bergen, den Häusern, die der Stadt eine schmutzige Krone aufsetzen. Dazwischen Rosarot. Ich gehe, sie bleibt. Rosarot, du musst kämpfen. Packe deine Fäuste hinter die Ohren, reiße das Unbekannte an dich, das vor dir liegt. Und höre nicht darauf, was andere sagen. Da ist nur das Rauschen im Wind. Und die Bäume, die den Blick begrenzen. Alles andere gehört dir.

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