Franziska Rauber – Unter Baumkronen

 

Birkenblätter scheinen im Wind zu tanzen, flatterhaft und verspielt, als würden sie sich fangen wollen. Ihr Windspiel reflektiert Lichtflecken, verstreut sie wie eine Diskokugel auf die umliegende Umgebung. Geblendet stelle ich mich unter die Baumkrone, schmiege mich ganz nah an die raue Rinde des Stammes, damit mich ein Lichtpunkt trifft. Ich hoffe, mich an ihm zu wärmen. Oder das Gefühl der Leichtigkeit einzufangen, wenn sich ein Blatt vom Ast löst. Birkenäste sehen aus wie Schlangen, die während ihrer Häutung erstarrt sind. In strähnigen Fetzen schält sich die weiße Rinde vom Ast, darunter bricht eine zweite dunklere hervor. Ich mag Birkenäste und den Blick in den Himmel, unter einem Baum, braun, grün, blau, blattbegrenzt. Vorbeitreibende Wolkenfetzen neigen die Baumspitze gefährlich weit in meine Nähe, der Baum beginnt sich zu bewegen, oder ich mich, mein Blick bleibt auf die Baumkrone geheftet, die die Blätter loslässt, sich über mich wie Regen ergießt. Ich kann nicht mehr sagen, wer fällt, ob der Baum, der Himmel oder ich. So fühlt sich die Welt an, wenn man sie von unten betrachtet.

 

 

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