Gerhard Reule – Romanauszug „Buschseelen“

1.
Du fingst zu weinen an. In Afrika warst du der Mörder Pans. Zuhause der Affenkaspers und Lucys. Die Spritze fiel aus deiner Hand auf das Laken, der Revolver polterte auf die Dielen, alle Mordwerkzeuge der Welt wichen zurück, während das Leid der Kreatur, zu der du gehörtest, Gott anklagte. Dann entflammte dein Herz, und du betetest.
     Dein Gebet in der Löwengrube:
     Des Lebens wegen, das schwer ist und wunderbar
     Wegen der herrlichen, furchtbaren Natur
     Wegen der Personen, die mir wichtig sind
     Wegen Leni
     Wegen Paul und seiner Katzen
     Pans wegen
     Und ganz besonders wegen der kleinen Äffchen,
     Die ich umgebracht habe
     Entsage ich weiterer Gewalt.
Inzwischen war der zarte, kluge Benjamin mit den schwarzen Augen ein wenig schrullig geworden. Die anderen Affen beobachteten argwöhnisch seine Übungen, die er stets mit größter Konzentration und Sorgfalt ausführte. Lediglich Pan schien von Benjamins Treiben fasziniert zu sein und war morgens zur Stelle, wenn es losging. Überhaupt, man sah sie nun häufiger zusammen, die beiden Affen, den alten und den jungen. Zwischendurch war Benjamin immer wieder weg, und seine Abwesenheiten dauerten zunehmend länger, doch dann streiften Benjamin und Pan wieder tagelang zusammen durch den Wald. Solange, bis Benjamin ganz verschwunden war.
     Eines Morgens trautest du deinen Augen kaum, als du Pan fünf Schritte vor dem Baum stehen sahst, in dem er sein Schlafnest hatte. Er stützte sich vorne mit den Armen ab. Dann zog er vorsichtig die Beine an, und zu deiner großen Verwunderung blieben sie in der Luft, ohne dass er das Gewicht verlagert hätte. Du konntest dir das nicht erklären. Als Pan jedoch auch noch die Arme behutsam vom Boden löste und an den Körper zog, und der ganze Leib reglos in der Luft schwebte, glaubtest du zu träumen. Aber du träumtest nicht. Als du die Episode im Camp erzähltest, hielten die einen dich für einen Spinner, die andern für fantasiebegabt, die dritten für fieberkrank. Du glaubtest erst an eine Vergiftung, dann, dass es wahr war.
Schimpansen klettern außerordentlich sicher, und dennoch kann es vorkommen, dass ein Tier von hoch oben aus einem Baum in die Tiefe stürzt. Pan war vor deinen Augen vom Wipfel seines Schlafbaumes in die freie Luft gesprungen, und es war kein Versehen. Den Rücken durchgedrückt und Arme und Beine von sich gestreckt war er in die Luft geschnellt und abgestürzt. Und hatte sich dabei das Rückgrat gebrochen.
     Deine Zuversicht war dahin. Du hättest es eigentlich wissen müssen, dass der Gott der Lebenden den Lebendigen mehr aufbürdet, als sie tragen können. Immer hattest du insgeheim geglaubt davonzukommen. Vielleicht möchte Gott gar niemanden quälen, ist unbewusst, unwissend. Oder verkalkuliert sich manchmal. Hatte Pans Rückgrat verkannt und falsch eingeschätzt. Dieses eine spezielle Rückgrat. Dieses einen speziellen Körpers, der gezeichnet dalag, auf afrikanischem Boden, …auf einem Bett im Hause Elisabeths.
Du, dessen Augäpfel unter den geschlossenen Lidern zuckten, und dessen Atem schnell und schwer ging vor Qual, littst wie Pan, …und Pan litt wie du.
2.
Stefans Traum
Mit einem Knall platzte die Welt, und dahinter war es kristallklar. Katzenmädchen hob verwundert das Köpfchen. Sie war entzückt. Die Beschwernis und die Gewalttätigkeit des Geschehens am Schluss lagen schon fünf Wochen zurück. Ich träumte von Aprikosensaft und frischer Milch und goss von der Milch in einen Suppenteller. Ich selber trank in vollen Zügen aus einem Glas. Die beiden Katzen schlabberten mit mir um die Wette, und mir war wohl. Sie blieben eine ganze Weile bei mir. Dann trotteten sie fasziniert und magisch angezogen in die Helle, die frisch und klar war wie Morgentau. Ich erwachte. Danach stürzte mein Leben ab wie ein Wasserfall.
     Herrgott!
     Als ich ein Kind war, betete ich zu dir, Herrgott. Paul sagt, es gehe darum teilzuhaben am Gottgrund, aber an einen Gottgrund kann ich mich nicht wenden. Also sage ich es dir, Herrgott, weil ich mit niemandem sonst mehr reden kann.
Schau, wie ich daliege!
     Sie meinen es gut mit mir, besonders Lena und Paul, und es tut mir leid, dass ich Paul bei den Ärzten ins Messer habe laufen lassen. Ich habe geglaubt, dass es noch Hoffnung gibt, und es ist so schwer zu sterben, wenn man jung ist und so gerne lebt. Inzwischen weiß ich, dass ich verbluten werde, und Lena und Paul wissen es auch.
     Ich habe Angst.
     Von den beiden habe ich am meisten Liebe in meinem Leben empfangen. Von Paul geistig und von Lena seelisch. Sie werden es schwer haben ohne mich, besonders Paul. Bei Lena habe ich weniger Sorgen. Sie macht einen gelassenen Eindruck auf mich. Neulich hat sie versucht, mich mit einem Märchen aufzuheitern.
     Einst lebte in einem Weiher ein junger Erpel mit seinen Freunden. Da sah er eines Abends, wie eine Schar Wildenten geflogen kam. Sie hoben sich dunkel gegen das zarte Gelb des Himmels ab. Der Erpel sah, wie sie in Formation flogen, angeordnet zu einem spitzen Winkel. Sie landeten auf dem Weiher und streiften den Erpel dabei fast. An der Spitze des Zuges befand sich ein wunderschönes Weibchen. Der Erpel und das Weibchen verliebten sich ineinander und verbrachten die Nächte zusammen, doch wenn der Morgen graute, flogen die Wildenten wieder davon in die Welt hinaus, und das Weibchen, das den Zug anführte, flog wieder als erste an dem Erpel vorbei. Der blieb mit seinen Freunden auf dem Weiher zurück. So ging es jeden Morgen und jeden Abend. Eines Nachts legte das Weibchen einige Eier und bebrütete sie. Jede folgende Nacht saß das Weibchen auf den Eiern. Untertags, immer wenn sie in die Welt hinausgeflogen war, brütete der Erpel. Schließlich schlüpften wunderbare kleine, flaumige Enten aus, und der Erpel kümmerte sich um seine Familie, wie es sich für einen Erpel gehört. Und jeden Morgen flogen die Wildenten weg und kamen abends wieder, und das Weibchen flog mit ihnen. Ehe er sich versah, war der Erpel alt geworden, während das Weibchen immer noch jung zu sein schien. Da sagte sie zu ihm: „Morgen, Geliebter, wenn wir in die Welt hinausfliegen, darfst du mit uns kommen.“ Da freuten sie sich alle sehr, und ihre Herzen hüpften in den gefiederten Brüsten.
     Das ist ja lieb gemeint, sie will mich ständig aufmuntern oder trösten. Aber sie scheint sich wirklich auf meinen Tod zu freuen, und das ist schon fast ekelhaft. Und doch liebt sie mich, ich spür’s. Pauls Gefühle versteh ich besser. Und dann ihr Lid! Dass Paul das nicht bemerkt hat!
     Er wird einsam sein.
     Ehrlich gesagt, Herrgott, war das Leben so schön gar nicht. Wenn ich wirklich einmal schöne Zeiten hatte, konnte ich das gar nicht immer so würdigen. Ich glaube, wenn ich alle Tage zusammenrechnen würde, die ich in meinem Leben wirklich glücklich gewesen bin, käme ich auf vier Wochen. Nicht mehr und nicht weniger. Und trotzdem würde ich so gern noch leben. Paul hat mich einmal gefragt, wie ich am liebsten sterben würde. Er hat öfter solche Sachen gefragt. Ich habe gesagt: „Am liebsten gar nicht!“ Ich habe Angst, dass die Toxoplasmose wiederkehrt.
     Herrgott, bewahre mich vor einer Demenz!
     Schau mich an, wie ich daliege! Hier auf dem Bett liegt alles, was ich an Verdiensten in meinem Leben gesammelt habe. Viel kann ich nicht in die Waagschale werfen. Ich hatte mir das anders vorgestellt. Ich wollte viel mehr erreichen, ich meine, es gab so viel zu entwickeln und zu bearbeiten, in mir und in der Welt, aber erreicht habe ich fast nichts. Ich bin immer noch der, der ich bin, und die Welt ist so wie sie ist. Meine Hände sind leer, und ich kann sie trotzdem kaum heben. Die Ärzte und Schwestern behandeln mich zuvorkommend, weil ich selber Arzt bin, aber eigentlich bin ich ein Schwuler, der an einer anrüchigen Krankheit stirbt. Und auch das wissen sie. Aber sie sind taktvoll.
     Schau, wie leer meine Hände sind!
     Herrgott! Ich habe so schrecklich geträumt. Ich kann es ihnen nicht mehr sagen – ach könnte ich doch! Weißt du, was ich geträumt habe? Eigentlich müsstest du es wissen. Sie sagen, dass du allwissend seiest, aber bei dir weiß man nie so genau, denn wer kennt dich schon? Ich habe den Eindruck, du weißt gerade so viel wie deine Geschöpfe, weshalb du uns brauchst. Aber auch das ist nicht sicher. Hör zu!
     Ich war eingeschlafen, und das Gekreische der Affenhorde hat mich geweckt. Ich stand in einem sehr großen Innenhof eines Palastes oder einer Kaserne in irgendeiner großen Stadt, während die Schimpansen vom Gombe um mich herumtanzten. Die Gebäude ringsumher schienen alt zu sein. Meine Füße standen auf dem Kopfsteinpflaster. Man hatte eine Tribüne aufgebaut, und auf ihr saßen die Menschen, die etwas zu sagen hatten. Männer und Frauen. Die Leute auf der Tribüne redeten durcheinander, kurz ging ein Aufruhr durch die Reihen, und eine vornehme Frau rief in bestem Englisch:
     „Who shall pay this?“
     Doch dann wandten sie sich dem Schauspiel zu, das in Sichtweite vor ihnen stattfand, und das sie nicht ernst nahmen. Die Schimpansen führten mich hin. Ich sah verschwitzte Arbeiter mit freien Oberkörpern einen großen Ofen schüren, in dem sie Metalle schmolzen. Von einer Ofenklappe aus zog sich eine Rinne durch das Pflaster bis zu einem Steinbecken im Boden, das sich genau zwischen dem Ofen und der Tribüne befand. Vor dem Ofen empfingen Louis und Richelieu die Gaben der Menschen und warfen sie in den Schmelztiegel. Die Menschen der Welt brachten ihre Metalle. Die unterschiedlichsten Metalle kamen da zusammen, und alle waren gespannt auf die Legierung, die am Schluss herauskommen würde. Ich gab Louis eine Kette aus Gold, und er grunzte vor Freude, als er mich erkannte. Er warf sie in den Tiegel. Das Metalleschmelzen näherte sich seinem Ende. Die Spannung stieg derart an, dass alle verstummten. Sogar die Schimpansen schwiegen und grinsten vor Angst. Lediglich von der Tribüne herüber hörte ich das Palaver der Mächtigen.
     Die Klappe öffnete sich, und heraus schoss ein gleißend heller, dicker Strahl flüssigen Metalls. Es schoss die Rinne hinunter und ergoss sich in das Becken, wo es erkaltete. Und als das Metall kalt war, sah ich, dass es rot war. Ich wusste, dass das nicht reichte. Wutentbrannt rannten die Schimpansen zum Publikum auf der Tribüne, das amüsiert zugesehen hatte. Wie die Wahnsinnigen stürzten sie sich auf die Menschen dort. Tarzan, Mama und Louis kletterten schnurstracks zum Regenten hoch, der die Gefahr erkannte und über die Treppe zu entkommen versuchte. Aber Kardinal Richelieu, der alte Fuchs, hatte den Fluchtversuch vorausgesehen und verstellte ihm den Weg. Louis biss dem Regenten die Eier ab und schleuderte sie in die Luft. Wieder hörte man die englische Lady:
     „Who shall pay this?“
     Darauf einen spitzen Schrei, denn Mama hatte ihr unter den Rock gefasst. Sie wollte sich nur kundig machen, ob noch etwas zu holen wäre. Die ganze Affenbande jagte die Menge, die in Panik von der Tribüne drängte. Ich sah es mit Sorge. Da krachten die Schüsse, und meine Schimpansen stürzten in ihren Tod.
     Der Platz leerte sich schnell, und ich blieb allein zurück. Als sich ein Schatten über das Pflaster legte, schaute ich nach oben. Der Himmel war blau und wolkenlos, aber es wurde dunkler. Plötzlich wusste ich, dass eine Haut die Atmosphäre der Erde umschließt wie eine Fruchtblase. Nur ist das Wasser außen im interstellaren Raum und nicht innen. Von außen näherte sich ein riesiges, scharfkantiges Objekt und warf den Schatten. Von außen ritzte es die Haut auf. Der Ozean des Weltraums stürzte herein und ertränkte alle.

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