Ingo Heckwolf – Auszug aus »Die verbitterte Süße«

(…) Der nächste Supermarkt lag einige Häuserblocks weiter die Stadtumgehungsstrasse entlang gen Westen, der untergehenden Sonne entgegen. Malerisch. Nach uns die Nacht, die Sterne, die Schatten der Vergangenheit und vor uns – „Weißt du noch was wir alles für das Essen brauchen?“ „Hmmm?!“ „Ob du noch weißt was -„ „Ja, ja, – ja klar!“
Im letzten Sonnenlicht erreichten wir die Kreuzung, zu der schräg gegenüber das „Heute plan ich, heute koche ich und übermorgen weiß ich noch nicht was ich mir hole Paradies der schnell und kurzfristig Lebenden Mo- und Flexibilitätswesen, zu denen wir uns so aufgeschwungen haben. Höher schneller weiter … „Hey Stop!“ Sie riss, wie ich meine Augen zur Seite, mit einer Hand an meiner Schulter. Ein lauter Ton hupte mir durch die Ohren entgegen. „Verdammte …“ Ob ich in den nächsten Stunden noch einmal ganz wach werden würde – dem wurde ich mir immer unsicherer – dabei hatte ich vor Stunden noch angekündigt das sie heute zahlt und ich dafür koche.
Noch etwas verstörter tat ich den einen Schritt zurück auf den Gehsteig. „Wo bist du denn wieder mit deinen Gedanken?“ Aber kochen, konnte ich ihr gegenüber, sogar noch im Schlaf besser. „Los komm, du aufgebrachter Kyniker.“ „Was!“ Es war eine sehr freundliche Art von ihr mich auf meinen Zynismus aufmerksam zu machen – mit dem ich wohl aus dem Halbschlaf aufgewacht sein musste. „Aber Wohin denn? Der Supermarkt ist doch da drüben?“ ich machte meinen ungehörsamen Zeigefinger lang und der wartende Blick auf Bestätigung verhärtete sich. „Klar, aber der Zebrastreifen ist da oben.“ Ich ließ nur meinen Augen Bewegung zukommen. Dieser verdammte Zebrastreifen. „Jetzt mach mir hier halt keine Szene.“ ,tönte sie. Schlagartig löste sich meine Figure. Hatte sie mich gerade mit einer sexistischen, also per se Frauenfeindlichen Aussage angemacht!? „Aber … jo!“
Ihr kurzer Blick ließ mich zu verstehen nehmen das eine gewisse Öffentlichkeit um uns herum herrschte, die jederzeit darüber entscheidet ob du weiter hier frei herum laufen darfst oder ob eine Mehrzahl der Auffassung ist dich in ein, für alle Fälle geartetes und speziell ausgewiesenes „Pflegeheim“ mit gut ausgebildetem Fach- und vor allem Kräftepersonal zu übergeben. Zur weiterhin unversehrten Sicherheit für das eigene Leben, eben.
„Es ist troztdem Käse! Mit dem Erhalt des Führerscheins ist es doch nix anderes, wie mit dem Erhalt eines Schulabschlusszeugnis oder dem Uniabschluss. Im Endeffekt ist es doch nur eine Auszeichnung dafür, in wie weit du in das System ‚Gehirn ausschalten wenn es nicht um die Allgemeinsame Sache geht‘ etabliert bist oder wie weit du gehen darfst. Was soll das?“
Sie ergriff meinen Arm. „Ich meine diese Hornochsen müssen dort oben, wenn wir auch nur einen Fuß auf diesen besch… Zebrastreifen setzen sofort anhalten und hier an dieser Stelle, sind sie legitimiert und bekommen recht wenn sie uns über den Haufen fahren?“ „Ich hab mir diese $cheiß-Regeln nicht ausgedacht!“ „Is ja ne tolle Ausrede!“ „Ist ja auch meine!“ „Geschenkt, aber nun mal echt. Hab Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen und handle nur nach der Maxime durch die du zugleich wollen kannst, das sie ein allgemeingültiges Gesetz werde. Wir geben doch alle unser Gehirn ab wenn wir auf diese Regeln wie Zement beharren, das sind doch Richtlinien und kein heißer Draht!“ „Jetzt hör schon auf, es ist eben Feierabendverkehr und da ist ein Auffahrunfall tödlich.“ Ich musste schmunzeln und hielt mir die Handmuschel vor den Mund. „Trombosegefahr auf der Umgehungsstrasse C137, schicke mal ein paar grün blaue Klutbörperchen hin.“ Sie fand es wieder widererwartend nicht witzig.
Am Zebrastreifen angekommen unternahm ich sogleich einen überraschenden Satz mitten auf die Strasse. Unwillkürlich natürlich. Das Gesicht des Mannes sah finster aus während ich meinen Michael Jackson imitierte und mit beiden Armen auf den Zehenspitzen stehend auf diese jämmerliche Signalmarkierung des geltenden Rechts hinwies.
Sie schüttelte den Kopf, lief sich einhackend an mir vorrüber und zog mich mit. Aus dem Augenwinkel glaubte ich gesehen zu haben wie sie sich für mein Auftreten entschuldigte. „Was?!“ raunte ich. „Nichts.“ „Ich weiß das es völlig unnötig war aber was soll ich tun, hätte er zwanzig Meter weiter oben für mich zum überqueren der Strasse gebremst, hätte ich mich freundlich bei ihm bedankt und ihn wahrscheinlich sogar noch angelächelt dafür. Ich weiß das sich dadurch nur ein negatives Gefühl mehr nun auf dieser Welt expotenziert und es wird wie immer darauf genau den Falschen treffen – denn dadurch vermehrt‘s sich schneller und geballter. Aber vorbildlich streiten sich ja tagtäglich unsere Parteienführer in den angeblich so seriösen Fernsehsender für politische Popstars. Sich gegenseitig so vorbildlich verprellen und auf ideologischem Rechtsniveau vormachen wie es geht, an keinem Strang zu ziehen, wird uns sicherlich weit bringen. Da hilft es auch nichts zu sagen ‚man habe sich in den letzten Monaten zu sehr mit sich selbst beschäftigt‘. Hobbsianer!“ „So und so ähnlich.“ Sie wollte definitiv nichts weiter dazu sagen. „‚Wir bieten Ihnen Wohlstand und Sicherheit und unverwundbare Seelen, Sie geben ihr Hirn am Eingang ab und brauchen sich nie mehr zu quälen‘1die haben doch alle den Wecker nicht gehört! Außerdem fällt das den keinem auf? Wir unterhalten uns in einer zugleich zynisch entgegengemeinten wie Kinder- und Scherzfragenstellender Sprache. Tiger-Entenkoalition, Jamaikakoalition, Zebrastreifen. Wenn etwas schon so heißt wie eine Kultur, die gerade von denen die für unseren Gebrauch am wenigsten stehen und diese am meisten fürchten oder wie ein Tier, das zwar in der Menge, im Schwarm unsichtbar wird, aber allein auftretend in der öden Steppe, kilometerweit auffällig wie ein gedeckter Tisch aussieht, das, aber nicht der logische Grund für unsere Benennung ist sonder allein jenes draufglotzende feststellende Moment schwarz weißen Musters eines abgezogenen Felles …“ „Hey, tue mir einen gefallen!“ Direkt vor mir blieb sie plötzlich aus einer zauberhaften Drehung stehen und sogleich latschte ich ihr dafür auf beide Füße. „Bitte ich habe gerade keine große Lust mich irgendwie Verhalten zu müssen. Lass uns das Zeug einkaufen und dann schnell wieder nach Hause.“ Besänftigend stellte sie sich unter meinem Fuß auf die Zehenspitzen, umfasste meinen Kopf und küsste mich ganz sanft. Es war also doch noch etwas Abendsonnenlicht in ihr aufgegangen. „In Ordnung.“ ,äußerte ich besänftigt. Worauf hin sie mit einem energischen „Na dann los!“ meine sanftmutende Art zum hoffnungslosen Romantiker degradierte.
Wir hatten sogar recht schnell die Dinge beisammen und ich wurde zur eigenen Überraschung nicht ausfallend, während der Entscheidung für eine Zahncreme der dreißig verschieden designten Tuben die eine individuelle Auswahlmöglichkeit suggerrieren und durch verschiedene Preise beim Kauf eine jeweilige überlebensfähige, gesunde bis vertrauenswürdige soziale Stellung ausstrahlen sollte. Und das vor allem auf alle anderen, die es mitbekommen könnten. Und sei es nur die vorsichtig lächelnde aber sonst auch ganz nette Frau an der Kasse die dort für gewöhnlich richtig also ich meine, die dort eben immer sitzt. Die strahlenden haben wir in’s Buisness gesetzt die anderen in die Dienstleistung und die restlichen lutschen Zahncremereste aus der Tube und pinkeln sich in die Hausschuhe während sie völlig zugedröhnt vor dem aussenvergitterten Fenster gegen eine Wand schauen und sich nichts mehr dabei denken können. „Wie kommst Du bloß vom Zahncreme kaufen auf so bescheuerte Ausführungen?‘“ Verwirrt sah ich mich um. Sie stand nicht neben mir und auch nicht in meiner sichtbaren Umgebung. Hatte ich mir diese Frage gerade eingebildet und ihre Stimme nur gedacht? Gruselig und im Grunde erledigt die Tätigkeit des Bürstens die Arbeit und nicht die frisch duftende Zahncreme die man sich eigentlich komplett sparen könnte.
Mit der untersten, billigsten und buntest designten Zahcremetube in der Hand, fand ich sie an der Kühltruhe stehend. Beide Arme mit allen Einzelteilen beladen versuchte sie an ein Päckchen gebuttertes Gemüse zu gelangen. Es sah so hilflos aus, ein Tyranosaurus Rex zum sicheren, baldigen Aussterben verurteilt, dass es schwerfiel uns noch einen Vorwurf machen zu können, wir seien im Stande fähig diese Welt zu ruinieren. (…)
1 Konstantin Wecker; Ballade vom Puff das Freiheit heißt; aus Wecker (1982)

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