Jochen Schünemann – Nacht

Eine Liebeserklärung

 

Immerzu warte ich auf den kühlenden Atem der Nacht, der die grellen Konturen des Tages reduziert und die blendenden Farben zu einfachen Schemen stilisiert. Die Schlichtheit ihres Mantels verleiht den Dingen eine ausgewogene Schönheit, die unaufdringlich hässliche Ecken und Kanten kaschiert. Sie besänftigt mein unruhiges Auge, das bei Tage nervös Dinge zu fixieren versucht, doch ständig abgelenkt wird von neuen Kompositionen. Ihre Umarmung lullt mich zärtlich ein wie einen Kriegsheimkehrer, der müde das Schlachtfeld des Tages verließ und nun durch das sanfte Wiegenlied der Geliebten Trost findet. Ihre Harmonien sind zerbrechlich und leise, sie flüstert fast und überstimmt den Lärm der Welt. Auch jetzt liege ich wieder in meinem Bett. Es ist Mittag und der lichterfüllte Raum des Lebens überfordert mich. Er bietet so viele Möglichkeiten, dass ich die Sekunden zähle bis sie verflogen sind. Das tyrannische Wesen des Tages drängt hartnäckig zur Geschäftigkeit und versucht seine Sklaven zu zwingen. Doch ich trotze seinem Joch, schließe die Augen und denke an den weichen Busen. Ihre sanften Konturen sind meine Muse, die ich erst zur Dämmerzeit erahnen kann. Knospengleich öffnet sie dann ihre Blüte und entblättert die Welt von ihren schmutzigen Farben. Noch verharre ich in Ohnmacht, doch in Gedanken liege ich schon in ihren schützenden Armen. Warte, dass mein dunkler Engel sich über das Tal erhebt und seine Schwingen über mir ausbreitet.

 

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