Simon Felix Geiger – Mein Kippenstift schreibt Lippenschrift

Schlingernd flitzen Fingerspitzen über Fetzen aus Papier
Hetzen wetzend über Sätzen ohne Blick herauf zu mir

Meine Hand ist wie gebannt vom regen Schreiben
Lässt galant des Schreiblings Degen treiben
Doch dort wo die echt krassen Wortgefechte vor sich gehen
Lässt sie plötzlich alles stehen und liegen
Und meint dann nur: „Mhm, Ich will nicht mehr“
Im Tonfall meiner Ex
Nach stundenlangem Texte schreiben
Will sie es nicht mehr mit mir treiben und krakeelt im Quengelton:
„Dein Stängel tut mir übelst weh. Dein Stil ist ja ganz nett und schon oke
Doch hey. Willst du nicht mal oral
Gedichte machen
So richtig abgefahrne kranke Sachen?“

„Kann man mit Sprache so was machen?“
Frag ich noch da schläft sie schon
Auf totem Baum gebettet ein

Ich bleib alleine wach
Und rauch die Kippe nun danach

Bin tot müde
Vom Schreiben ausgebrannt
Da fängt meine Hand plötzlich ganz entspannt
Zu schnarchen an
Kann zwar keinen Stift mehr fest halten
Kein Papierschiff mehr falten
Kein zucken und mucken
Kein Drang mehr zu drucken
Was ich schreiben will
Doch Schnarchen
Kein Problem

Die nächtliche Stille
In Stücke gerissen
Kein Ohropax greifbar und auch keine Kissen
Ein Lautstärkepegel nervtötend wie
Kinder
Beim Warten mit Fragen nach langen Fahrten im Wagen
Die im schrillst möglichsten Tonfall dann kreischend posaunen:
„Wie weit ist es noch?“

Auch ich hab keine Lust mehr
ICH HAB KEINE LUST!!!
Mehr
Meine Fingerkuppen sind jetzt schon abgenutzt
Und die Hornhaut an meinem Zeigefinger
Ist dicker als die an … großen/m Zeh!

Allein schon beim Gedanken daran wird mir echt schlecht
Doch das Bild bleibt hier drin denn kein Stift schreibt es hin

Drum werd ich heute Nacht
Im flimmernden Schimmer der schweigenden Stadt
Meine Gedanken von nun an oral in Formen fassen
Sie als Mahnmal für all die ausgebrannten dahin siechenden Schreiberhände
Auf Naturleinwände und Fernwehflächen sprechen
Bis sie im Wind dahin treiben
Und wahre Poeten sie als Gedicht wieder hin schreiben

Mit dem Kopf durch die Wand tret ich raus auf den Balkon!
Meinem Schau-Down-Thron
Denn ich wohn hoch oben über den Dächern der Stadt

Ein Windhauch säuselt mir ums Ohr
Meine Kippe qualmt nach wie vor
Auch unter der Schädeldecke raucht es gewaltig
Doch dem Buchstabenhagel
Halt ich stand!
Meine Kippe streicht blauen Dunst
Über die grauen Wände im Quartier

Über die Lippen schleicht ein Wort
Auf den rauchigen Teppich über mir
Und legt sich dort nieder
Wort für Wort
Immer wieder
Buchstaben und Silben
Bilden aus monotonen
Satzkonstellationen
Gedichte
Die sich auf Schifffahrt begeben
Als Qualm durch Nebelriffe schweben
Ihren Rumpf durch den Sumpf stumpfer Stadtgespräche schieben
Bis sie an Smalltalkfrachtern
Kentern

Über den leuchtenden Gewändern der Stadt
Steh ich auf Plattenbauten meine Füße platt
Zieh an meiner Flumme die sich inzwischen selbst verstummelt und verbrennt und
Genieße den Moment

Heute Nacht
Ist mein Mund ein Hafen
In dem sich Buchstaben schon vor langer Zeit trafen
Um in die Welt hinaus zu wehen
Heute Nacht
Stehen sie endlich am Ufer bereit
Nur eine Zungenlänge weit noch entfernt vom Aufbruch
Um in die See hinaus zu stechen
Und das blecherne Beben der Nacht
Das Dröhnen der Trommeln im Herzen der Stadt
Flüsternd
Zu durchbrechen

Flutend fließt Rauch über die Hügel meiner Zunge
Haucht sich durch die Flügel meiner Lunge
Und hält kurz inne
Beim Ausatmen warten bereits rastlose Matrosen
In famosen strophenlosen Wort-Cord-Hosen
Auf das Schiff aus Rauch

Am Rande der Lippe stehend
Die Kante der Kippe schon sehend
Schauen sie noch ein letztes Mal über die Schulter
Frauen Kinder Heimat ein Stück
Teer bleibt zurück
Zum Meer treibt Mann dann übern lang Damm auf den gerollten Steg
Aus Tabak und Papier
Auf dem Weg in den Bauch eines Schiffes nur aus Rauch fort von mir

Ohne Anker nur mit Sätzen besetzt
Verlassen die Schiffe den Hafen und stechen in See
Der Moment verklingt und verschwimmt in Quellwolken
Die den Schiffen aus Qualm folgen
Ihren Zauber entladen sie als Buchstabensuppe direkt über der Stadt
Wie Nebelschwaden schweben sie dorthin wo Sprache lang geschwiegen hat

Und auch ich bin nun müde
Vom vielen Reden und Sprechen
Bin Seekrank vom Denken ans In-See-Stechen
Ich bleib dann doch lieber daheim
Hab eh Angst vor Wortpiraten
Diesen Poesieräuberschwachmaten

Drum bleibe ich stillschweigend
Alleine im Wind treibend
Zurück

Und nur mein Kippenstift
Schreibt noch die letzten Zeilen als Gedicht
In Lippenschrift.

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