Verena Reiss – zu fremd




Hätte man sie gefragt, warum sie diese Reise unternahm, so hätte sie geantwortet: Um den Wänden zu entfliehen.
Die Wände ihres Zuhauses seien manchmal nämlich so weich, dass sie keine Konturen mehr spüre. Sie werfe sich gelegentlich gegen eine Wand, um wieder etwas zu fühlen. Der Erfolg bleibe jedoch aus.
Manchmal seien die Wände wiederum zu hart. Sie würden sie dann so bedrohlich anstarren, dass sie raus ins heiße Leben fliehe. Irgendwann müsse sie aber immer zurückkehren aus dem Rausch, meist sehr müde.
Eines Tages, so hätte sie gesagt, wurde es ihr eben zu viel.

Der Koffer war bereit, sie warf einen letzten Blick ins Haus und schloss die Tür. Die Wände blieben still zurück.
Bald durchstreifte sie den Bahnhof, mit großen Augen, als liefe sie durch eine surreale Kulisse. Die Menschen mit ihren Gepäckstücken kamen ihr vor wie bedrohliche Puppen. Wankenden Ganges, mit einem Gefühl von Bedrängnis, ging sie zum Gleis. Der Zug kam in ihren Augen irgendwie spitzäugig daher.
Zwischen den sterilen Sitzreihen suchte sie sich vorsichtig einen Platz im hinteren Teil des Zuges. Das Polster ihres Sitzes empfand sie als rau: Beinahe schmerzte es schon.
Den Anfang der Fahrt verbrachte sie schweigend in ihrer Nische. Ausdruckslos betrachtete sie die Welt jenseits der Fensterscheibe und zuckte zusammen, wenn Menschen im Gang vorbeiliefen. Niemandem wäre sie großartig aufgefallen.

Sie habe eben einfach still da gesessen, sagen die Fahrgäste. Irgendwie unsicher, nicht sehr sympathisch. Den Blickkontakt zu anderen habe sie vermieden. Bis es zu diesem seltsamen Ausbruch kam.
Auf einmal begann sie zu schreien. Sie sprang auf wie vom Blitz getroffen, stürzte sich in den Gang, schlang die Arme um den Körper. Aufgebrachte Fragen wurden durchs Abteil geworfen, Hilfe angeboten. Aber niemand habe mit dem gerechnet, was sie nun stammelte, bevor sie zusammenbrach: Sie könne ihr Spiegelbild nicht mehr in der Scheibe sehen.

Für die Fahrgäste bleibt das Geschehen ungeklärt, die Frau sei einfach zu fremd gewesen. Nicht einmal ihre Herkunft habe man herausgefunden.
Hätte sie sich in ihrem letzten Moment noch mitteilen können, so hätte sie gesagt: Heimat sei das einzige, was sie sich jetzt noch wünsche.

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