Jan Deichner – Eigenwerbung

Eigenwerbung

Ich. Ich schwitze gerne diese Selbstanrede aus. Ich entschlacke mich von mir selbst. Ich spüre mich

den seit der Geburt gekrümmten Rücken herunterlaufen, erst langsam und dann als Stück Feuchtkörper

produziere ich Minute um Minute Duftsubstanzen die nicht allen gefallen und manchmal muss ich mich

schon sehr bemühen nicht zu furzen, meist wenn ein selbst gemachter Aufguss droht und das schützt

mich dann vor dem Denken. Es schützt mich vor mir und beginne dennoch damit. Ich. So fängt man

eigentlich ein Leben an. Ich tropfe weiter und rieche mich, habe es aber vergessen wie die Substanz an

meinem Minikörper roch, als ich aus meiner Mutter herausgepresst wurde. Ich vergesse sowieso viel.

Oft wenn ich was erzählen will vergesse ich und komme auf was anderes, vergesse dann wieder und

gebe den Dingen neue Zusammenhänge. Erkenntnisse, Verdichtungen. Undicht und manchmal ist es

auch einfach nur schmalzig, aber auch das bin ich. “Ich wollte nicht herauskommen” hat meine Mutter

oft vor ihren Freundinnen erzählt. “Von wo nicht rauskommen? “Na ja unten eben, wo man halt

rauskommt”! Und dabei haben sie mich angeschaut, mit ihren zerschminckten Mündern und den R6

Zigaretten darin, immer einen halbgefüllten Cognac vor ihrem Kaffeekränzchen, so als wäre die Möse

etwas Heiliges. Ach so hab ich dann immer gesagt, den Blick am grünen Veloursteppich entlang der

unangenehm an den Fußsohlen scheuerte und bin ins Kinderzimmer gegangen, Playmobilmännchen

anzünden. Was wollte ich eigentlich sagen .Ja könnte ich sagen. Ich gehe gern in die Sauna.

Da bin ich voll ICH. Voller als sonst denke ich und spüre die anderen Menschen da. Man ist ja selten

allein in einer öffentlichen Sauna. Es gibt auch halböffentliche und gar nicht öffentliche, doch dort bin ich

nicht so wie ich .Diese anderen Menschen sind natürlich auch voll sich und das stört mich dann, denn

es stimmt nicht. Sie grüßen unabsichtlich und erwarten absichtlich den Gegengruß. Ich grüße übrigens

ungern. Sie drehen ihre verdammten Sanduhren um und schauen wie viel Sandkörner sie es wohl

aushalten, sich selbst auszuhalten. Ich halte es meist länger aus und dusche danach auch länger kalt.

Die meisten springen einfach nur kurz unter den kalten Strahl und brüllen dann ganz aufgestaut, Es

klingt zoologisch, dabei seufzen sie so verlogen das es mir schon deshalb nicht leid tut, das ich immer

während des Duschens pinkeln tue. Ich mach das auch wenn direkt neben mir jemand duscht. Es

macht dann besonderen Spaß. Ich seife meinen Puschel dann mit Seife ein und pinkel drauf los.

Manchmal ist es auch unangenehm, dann wenn Seife in meine Eichelöffnung kommt, brennt es kurz

und hinterlässt so ein eigenartiges Ziehen. Auffällig ist es nur wenn der Urin besonders gelb ist. Das

kommt vor, nachdem ich gewisse Vitamindrinks getrunken habe. Ich halte dann meine Hand davor, das

vermischt sich dann und das nächste Duschwesen stellt sich hinein. Er ist ja bei sich, es kann nichts

passieren. Es erregt mich nicht. Es ist nur ein selbstverständlich, natürliches Verlangen in der Dusche

oder in der Wanne zu pinkeln. Ich gehe nicht gern auf die Toilette, die ist meistens nass am Boden und

stinkt. Selbst in einer esoterischen Sauna stinkt es nach Scheiße.

Die Musik stört mich, obwohl ein Holzschild silence verspricht, verfolgt mich dieses leidenschaftslose

Ohm Gedudel, dieses Wichtignehmen mit Dingen die nichts mit dir zu tun haben, die dich verdrängen.

Sogar hier bekomme ich zu spüren; GEIZ ist überall! Also habe ich entschieden, irgendwann nach 30

Minuten Sauna, mich dagegen zu entscheiden egal gegen was und zu sagen:” Ich nehme mich nicht

ernst! Ich kann es nicht. Ich muss zu sehr an das erste Gedicht denken, das ich bewusst las. Es ging

da um einen Soldaten, der nach dem Krieg nach Hause kommt und Hunger hatte und einen mit Brot

totmachte. Vor Gericht wurde ihm gesagt dass er nicht totmachen darf- Warum nicht antwortete da nur

der Soldat:

Was soll ich also machen. Etwa eine Sauna mit Punkrock eröffnen. Ohne Uhren ? Ohne Toiletten ? Ich

würde Ärger bekommen. Das Ordnungsamt. Es wäre sauschnell sauernst. Ich hätte, was wollte ich

sagen, keinen Spaß. Ernst nehmen was soll ich den ernst nehmen. Die Trilogie der Tragödien. Die

Liebe? Und die Kontaktanzeigen. Z.B. Polizistin 24 jährig sucht Polizisten ab 1, 85m ,zwischen 28 und

30 Jahre alt. Ohne Kind ,ohne Schulden. Esse gerne Popcorn…Oder Das Leben? Ich lebe doch ist das

nicht ernst genug. Den Tod? Ist der Ernst nicht der Tod von allem. Mal im ernst. Es gibt Menschen die

so heißen! Aber wo? Nur hier! Ich jedenfalls kenne niemanden der Serios heißt oder Serio oder Serjö.

Nicht unsere ernsten Eltern, Lehrer, Politiker, Stars und Chefs sind unsere Hoffnung!

Ich bin zum Glück Künstler. Ich weiß das Kunst Hoffnung heißt und das ist Quatsch. Ich weiß aber dass

ich privilegiert bin und auch das ist Quatsch. Alle Künstler sind Quatsch. Quatschmacher drehen keine

Uhren in Saunen um, sie glotzen nicht, sie schauen sich ganz in Ruhe das ein oder andere geschlecht

manchmal auch etwas genauer an. Sie gehen raus wenn sie genug haben. Duschen und Pinkeln in

einem. Alle sind privilegiert weil sie etwas machen was Bedeutung hat, auch wenn es Mist ist. Sie

sagen nein und sie sagen ja. Sie sagen es. Ich meine nicht die sprache in Taxis auf dem weg zu einem

Billigflug. Ich meine nicht das mähen der Yuppies oder das muhen der Punker.und auch nicht das bellen

der intelektuellen. Auch Sie befehlen ihren Hunden Sitz und Fuß, und spring und hol, sie sagen je nach

Bundesland, komm zu Herrchen, komm zu Frauchen. Sie sagen es, sie wissen es und sie bereuen es,

dass es nicht sie sind, die nach dem Stock laufen dürfen.

Quatschmacher zeigen wer sie sind. Ich spreche hier nicht von Retortenbands auch nicht von

Milchkaffeeexperten. Nein Und auch nicht von Sektschlürfenden Vernissagevampiren die die Bilder

nicht sehen welche die Wände füllen. Ich rede nicht davon wie man in der Spur von Ja- Sagern auf

hohem Niveau überleben kann. Bei denen freue ich mich ganz besonders wenn sie in meinem Urin

stehen. Lackaffen welche evolutionsbedingt auf ihrem rasierten Schwanz stehen, meistens Schnorrer,

dem angepassten Angestelltendasein entsprechend und sich in der Mittagspause in ein angesagtes

Kaffee setzen, um nebenbei ein ganzes Stadtviertel, das sich davor arbeiterlastig oder autonom

nannte, selbstbezogen für sich zu verändern. Die Garde der neuen Chefs, gezüchtet in einer

Champignonfabrik, verbreiten sich wie solche und fahren geleast mit Sausebraus an mir vorbei, winken

und feiern schwerbelastet den Saldo des Volkes. Und die übergebliebenen Ureinwohner, die lieber

gegen ein Hotel Hauptbahnhof oder Flughafen demonstrieren dass sowieso gebaut wird in der Hoffnung

dass die Dealer im Park bleiben, damit die Kinder vorm Fernsehen sitzen bleiben können. Anstatt das

Rathaus zu besetzen, es endlich umzustylen, um es zu dem zu machen was es sowieso ist; Ein

Herrenausstatter aus der Rokkokoepoche mit einer riesigen Bar. Für Alkoholiker scheint es sinnvoll und

der angefertigte Maßanzug ein Spiegelbild von wegschauenden Pavianen auf der Schnäppchenjagd. Wie

soll ich also Politiker ernst nehmen wenn sie doch von mir angestellt sind? Oder Bürger die sich ernst

nehmen. Die kausal onanieren, anstatt chaotisch zu ficken. Ich ficke sogar mit Hexenschuss. Reduziert

wie das Schwitzen.Yingjang, Reinraus. Das ist was anderes als die Frage:” Kann ich mal von hinten…”

Ich nehme auch meinen Schweiß nicht ernst, ich schwitze nun mal wenn ich in die Sauna gehe. Auch

die rasierten Mösen finde ich nicht weiter ernst zu nehmen. Manche sind rasiert, manche designt. Das

habe ich jetzt begriffen. Es gibt sie eben immer noch die männerorientierten Frauen die sich für

emanzipiert halten und ich freue mich immer wieder über eine ganz normale Muschi. Dieser

Sekundenbruchteil, in dem ich das wahrnehme, beruhigt mich und lässt mich für einen Moment ich

sein. Dann wird schon wieder eine Uhr umgedreht. Manche müssen dann auch immer laut mähen oder

bellen, sagen sie können, nein sie wollen nicht aus demselben Grund in die Sauna wie ich. Sie wollen

erst pinkeln dann duschen. Sie wollen erst arbeiten dann sterben. Sie wollen keine Quatschmacher

sein. Sie haben Angst vor dem Totmacher. Der Quatschmacher hat keine Angst vor dem Totmacher. Er

liebt ihn sogar. Alle sollten wir den Totmacher lieben. Jeder weiß dass der Unfug dann ein Ende hat…

Der Angestellte hingegen fürchtet den Totmacher, da er dann seine Rente nicht voll auskosten kann.

Deshalb gibt es Uhren auch in der Sauna. Das Körpergefühl zählt nicht. Das Leben auch nicht. Für was

brauche ich dann also Toiletten?

Es ist so um die Mittagszeit und mir wird von einem Bekannten gerade gesagt dass der Künstler ja viel

Zeit hat. Ich versuche diesen Satz zu schlucken. Ein Furz meldet sich an. Ich werde ihn in Gegenwart

des Satzgebers loslassen. Es wird ein langsames Zischen geben, einen wie ihn kann ich selbst nicht

leiden. Ich mag lieber die lauten Kracher, die einen so wahnsinnig selber überraschen, da muss ich

manchmal loslachen, völlig losgelöst, mitten auf der Straße und die Leute die sich umdrehen und ihre

Gesichter..und manchmal sogar ein Lächeln. Er wird sich dann auch umdrehen und unangenehm

berührt schauen. So als hätte er gefurzt, er wird “wuff” oder “mäh” sagen und weiter duschen. Ich

werde ihm nicht anders beistehen als selbst zu duschen und auf seine bleichen Füße pinkeln. Er wird

es nicht merken. Ich werde es wissen. Er ist ein Chef.

Manchmal quälen mich Bilder, ich bin umzingelt von Singles mit rasierten, designten und gekämmten

Geschlechtern, die Sanduhren klingeln bei jedem Sandkorn wie einer der Handysounds von Jambaa,

das Mähen steht im Vordergrund und ich schwitze nicht mehr.

Ich bin jetzt vielleicht auch schon zu lange in der Sauna. Knapp 12 Jahre, mann wie die Zeit vergeht, so

ohne Uhr. Für mich wird es aber Zeit einen neuen Ort zu suchen an dem ich mich voll hingeben kann.

Nackt wie ich bin, so wie ich das immer getan habe hier. Jeden Schweißtropfen gespürt, jede Frau kurz

registriert, in mich reingelacht und mich gefreut. Und dieses Uhrendrehgeräusch habe ich wie das

Mähen und Bellen gehasst. Punks habe ich nie getroffen. Kühe sind eigentlich auch ganz in Ordnung.

Ich werd ein Bordell eröffnen mit echt nackten Frauen die nur reden. Das ist echt Kunst.

Text by jandeichner © 2010

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.